Julian (oder: Einer, der auszog, weil es anders nicht ging)
Kapitel 16
»Nicht ganz«, entgegnete Julian daher und grübelte, wie es nun weitergehen sollte.
»Einen Kompromiss«, rief da plötzlich Ilse, die sich bisher ausnehmend still gezeigt hatte.
»Ja, genau. Einen Kompromiss. Ohne irgendwelche Folgen. Ich suche diesen jemand für dich und du lässt mich dafür in Frieden«, bestätigte Julian nickend.
»Das reicht mir schon«, grinste der Teufel und streckte Julian die Hand entgegen.
»Für einen Kompromiss braucht es keinen Händedruck«, wehrte dieser entschieden ab.
»Nein, da hast du recht«, lachte der Teufel und verschwand von der einen zur anderen Sekunde.
Julian blickte verwirrt drein. Der Kerl wollte etwas von ihm, doch gab er ihm keine Information, keinen Hinweis, nichts worauf er hätte aufbauen können. Kopfschüttelnd lief er zurück ins Haus. Der Abend war spät geworden, während er mit dem Teufel gesprochen hatte, und er wollte nur noch schlafen.
Ein paar Tage gingen ins Land und Julian wunderte sich darüber, dass der Teufel nicht wiederkehrte. Doch die Arbeit in der Mühle hielt ihn auf Trab und er hatte nur wenig Zeit, sich darüber zu wundern. Bis eines Tages der hagere Kerl wie aus dem Nichts auftauchte und Julian streng und ungeduldig ansah.
»Was trödelst du hier herum?«, wollte der Teufel mit schnarrender Stimme wissen.
»Was heißt hier trödeln? Ich arbeite doch den ganzen Tag. Schneller geht es nun mal nicht«, gab Julian zurück und sah den Teufel nicht minder tadelnd an.
»Du sollst dich auf die Suche begeben, du Taugenichts«, rief dieser erbost aus und hob einen Zeigefinger.
»Ja, hättest du mir einen Hinweis gegeben, wen ich suche und wo ich anfangen soll, dann wäre ich schon längst aufgebrochen«, erwiderte der junge Mann gereizt und warf sich einen schweren Sack über die Schulter.
»Aber das habe ich doch«, entgegnete der Teufel verwirrt, »ich habe einen Brief fallen lassen, als ich verschwand. Das mache ich immer so, wegen der theatralischen Wirkung.«
»Und du meinst, ich könnte lesen und könnte etwas mit einem Brief anfangen?«, rief Julian verwundert aus.
»Kannst du denn nicht?«, klang der Teufel verunsichert und Julian schüttelte den Kopf.
»Und diese zwei Weiber?«, wollte der Rote wissen und blickte noch unsicherer drein, als zuvor.
»Das weiß ich nicht«, gab Julian zu und zuckte mit den Schultern, »ich habe aber auch keinen Brief gefunden.«
Der Teufel sprang zu dem Ort, an dem er vor ein paar Tagen verschwunden war und zeigte auf den Boden.
»Aber hier liegt er doch. Groß und breit und gut sichtbar«, wies er den jungen Mann zurecht.
Julian kam herübergelaufen, warf den Sack von der Schulter direkt auf den Brief und sah den Teufel herausfordernd an.
»Ich sehe nichts«, grinste er, wurde aber sogleich wieder ernst, »ich kann nicht lesen und du willst, dass ich etwas für dich erledige. Dann lass Großmutter und Ilse aus dem Spiel und erzähle mir, was ich wissen muss.«
»Nun gut, du elender Kerl«, knurrte der Teufel missmutig und begann zu erklären, »ich weiß nicht, wie er entkommen konnte. Er ist ein einfältiger, hässlicher, kleiner Kerl. Und dumm ist er obendrein. Und er lebt nur von seinem Glück, denn Wissen, Intelligenz oder logisches Denken fehlen ihm vollkommen. Er ist dir nicht unähnlich.«
»Moment mal«, brauste Julian bei dieser Bemerkung auf, doch der Teufel brachte ihn mit einer herrschen Geste zum Schweigen.
»Hör zu, wenn du nicht lesen kannst. Dieser hässliche Bruder im Geiste ist jedenfalls in der Obhut der Konkurrenz, sonst könnte ich ihn aufspüren, doch das ist mir gänzlich unmöglich. Und da kommst du ins Spiel.«
»Konkurrenz?«, überlegte Julian und kratzte sich am Kopf.
»Nun, die Gegenseite. Der große Spieler«, versuchte es der Teufel, doch Julian verstand noch immer nicht.
»Was meinst du damit?«, fragte er langsam und jede Silbe betonend nach.
»Herrgott Himmel nochmal«, fuhr der Teufel auf und zuckte zusammen, als ein Grollen zu hören war, »'tschuldigung«, grinste er eingeschüchtert nach oben, ehe er in ruhigerem Ton weiter ausführte, »mit Konkurrenz meine ich Gott. Der Entlaufene befindet sich in seiner Obhut. Und du wirst ihn finden und herauslocken.«
