Julian (oder: Einer, der auszog, weil es anders nicht ging)
Kapitel 15
Julian blickte dem Untier hinterher, bis es im Dickicht verschwunden war.
»Ein Glück hat er uns nicht gesehen«, befand er und auch die beiden Frauen waren erleichtert.
»Was mache ich denn jetzt wegen meines Häuschens?«, wollte seine Großmutter verzweifelt wissen.
»Sauber kriegen wir es jedenfalls nicht«, überlegte Julian laut und kratzte sich am Kopf.
»Wieso wohnen sie nicht fortan in der Mühle?«, schob Ilse ein.
»Würde das denn gehen?«, fragte die Großmutter, »ich verstehe mich überhaupt nicht auf das Müllerhandwerk.«
»Das habe ich auch nie getan«, gab Ilse zu und lachte, doch diesmal klang es eher vergnügt, »das habe ich meinen Mann überlassen. Und Sie haben doch ihren Enkel, oder nicht? Ich denke, Julian kennt sich bestens aus.«
»Was meinst du, mein Junge?«, wandte sich die alte Frau nun an ihren Enkelsohn.
»Das wird schon werden. Und wenn es gar nicht klappt, schließen wir die Mühle und wohnen dort einfach nur«, bestätigte dieser und so begaben sie sich zur Mühle.
Das Haus wieder herzurichten war mühsam und zwei Tage ohne Essen forderten so langsam ihren Tribut, aber Julian fühlte sich noch nicht im Stande, etwas zu sich zu nehmen. Zu deutlich waren die Geräusche und der Geruch aus Großmutters Häuschen noch präsent und er wagte sich nicht an etwas Essbares heran. Am Abend schließlich, als sie gemeinsam vor dem Haus saßen, rang er sich dazu durch etwas Brot und Käse zu verspeisen. Es schmeckte in diesem Moment wie die Verheißung und Julian konnte sich nicht vorstellen, dass es etwas Köstlicheres in der Welt gab. So schlang er sein Abendbrot herunter und brachte schließlich seine Großmutter zu Bett.
Als bereits die Sterne am Himmel funkelnden ging Julian über den Hof auf die Rosensträucher zu. Ehrfürchtig staunend besah er sich das undurchdringliche Gestrüpp, die langen, feinen, messerspitzen Dornen und die kräftig leuchtenden, wohlduftenden Blüten.
»Mit dem rechten Dünger gedeihen diese Rosen prächtig«, hörte er Ilses Stimme aus dem Beutel und gab ein bestätigendes Brummen von sich.
»Alles benötigt Nährboden«, war da eine weitere Stimme zu hören, bei deren Klang sich die Haare in Julians Nacken aufstellten.
Langsam drehte er sich herum und sah sofort die schmale, rote Gestalt vor sich. In den Augen zuckten rote Flammen und die Körperhaltung und der Gesichtsausdruck verrieten die reine Gier, mit der der Teufel den jungen Müller betrachtete.
»Du?«, zischte Julian, »was willst du?«
»Du hast nun erfahren, wozu ich fähig bin. Und das waren alles nur Kinkerlitzchen und Mummenschanz verglichen mit dem, was ich zu tun im Stande bin«, begann der Teufel mit selbstsicherer Mine.
»Und?«, wollte Julian ruhig wissen.
»Begib dich auf die Suche nach der flüchtigen Seele, oder es werden noch ganz andere Schrecken auf dich und die deinen warten«, grinste der Teufel boshaft.
»Die da wären?«, fragte der junge Mann schlicht.
»Mir fällt da schon etwas ein, wie ich den Menschen in deinem Umfeld das Leben und den Tod zur Hölle machen kann. Ihre Seelen sind längst nicht so unschuldig, wie die deine«, grinste der Rote boshaft und ließ ein Kichern hören, »und was dich betrifft, so wirst du ihrem Leiden beiwohnen, bis du es nicht mehr aushältst. Du wirst die eine Freveltat vollbringen und deine Seele beflecken. Dann wirst auch du mir gehören und meine Befehle ohne Zögern ausführen.«
Das Licht nahm einen tiefen, bedrohlich wirkenden Rotton an und der Kerl beugte sich leicht nach vorn, so als wollte er Julian anspringen. Sein Gesicht war eine Fratze aus Gier und boshafter Freude geworden.
»Ach, die entlaufene Seele. Darum geht es noch immer?«, begriff Julian, »deshalb der ganze Zirkus mit dem Müller, Ilse, meiner Großmutter und dem Wolf? Wir können es so machen. Du bittest mich höflich und ich werde versuchen dich zu ihm zu bringen. Du kannst dann mit ihm machen, was du willst. Dafür lässt du uns dann aber auch in Ruhe. Einverstanden?«
»Du schlägst also einen Packt mit dem Teufel vor? Du willst einen Vertrag mit mir eingehen?«, grinste der boshafte Geist schadenfroh.
Da wurde Julian klar, dass es mit diesem Kerl so einfach nicht werden würde.
