Julian (oder: Einer, der auszog, weil es anders nicht ging)

Kapitel 17

»Ich soll zum lieben Gott in den Himmel gehen und jemanden von dort holen?«, fragte Julian in einem Ton, der keinen Zweifel daran offen ließ, dass er den Teufel für verrückt hielt.

»Kennst du die Gotteshäuser? Kapellen, Kirchen, Münster, Dome, Kloster. Klingelt es da bei dir, du Schafskopf?«, gab der Rote entnervt zurück, »irgendwo dort befindet er sich. Wärst du in der Lage in ein von Menschen erbautes Gebäude zu gehen und von dort jemanden zu holen?«

»Jetzt verstehe ich«, grinste Julian breit, »alles klar. Und wo wurde er zuletzt gesehen?«

»In der Hölle?«, erwiderte der Teufel fassungslos, »sonst hätte ich ihn ja schon längst geholt. Schließlich ist er spurlos verschwunden.«

»Das ist dürftig. Wie soll ich ihn finden?«, wollte der junge Mann wissen.

»Das ist dein Problem. Nicht meines. Mach dich nun endlich auf die Suche, denn sonst«, stieß der Teufel drohend hervor und verschwand.

»Na toll«, murmelte Julian und verharrte grübelnd.

Erst einige Zeit später realisierte der junge Mann, dass er noch immer an der selben Stelle stand und nichts weiter tat, als in die Luft zu starren. Ihm wurde bewusst, dass ihm keine Lösung zu seinem Problem einfallen würde und so beschloss er die Arbeit in der Mühle liegen zu lassen und zu seiner Großmutter und Ilse zu gehen. Vielleicht könnten die beiden älteren Frauen ihm einen Rat geben, was nun zu tun sei.

»Also, da würde ich in der nächsten Kirche beginnen«, schlug die Großmutter vor und legte die Stricknadeln beiseite, »vielleicht kann dir der Pfarrer mit einer Auskunft weiterhelfen. Auf einen Versuch käme es allemal an.«

»Gibt es dort denn hässliche Leute, die die Obhut der Kirche nicht verlassen wollen?«, wollte Ilse wissen, doch die Großmutter schüttelte nur sachte den Kopf.

»Das weiß ich leider nicht«, gab sie zu, »es ist lange her, dass ich das letzte Mal im Dorf gewesen bin.«

»Und dieser Flüchtling muss sich doch sicherlich hier in der Nähe aufhalten. Sonst wäre der Teufel doch nie und nimmer unserem Julian erschienen«, überlegte Ilse weiter.

Unserem Julian, diese Formulierung gefiel dem jungen Müller wahrlich gut. Er lächelte glückselig und hörte den Damen bei ihrer Diskussion zu, bis die beiden verstummten und ihn erwartungsvoll anblickten. Ihm wurde peinlich bewusst, dass er den Ausführungen nicht mehr gefolgt war, und wusste nicht, was gerade von ihm erwartet wurde. So sprang er von seinem Stuhl auf und stemmte die Hände unternehmungslustig in die Hüften.

»Dann mal los«, stieß er markant hervor und hoffte, dass seine Reaktion passend war.

»Du bist mir einer, mein Junge«, seufzte seine Großmutter, lächelte dabei aber milde und erhob sich, »entweder am Träumen oder voller Tatendrang. Doch bevor du gehst, gibt es noch etwas zu essen.«

Die alte Frau trippelte in die Küche und entfachte das Herdfeuer. Eine wohlige Wärme breitete sich in der Stube aus.

»Und du solltest Wegzehrung mitnehmen. Nicht, dass du wieder Ewigkeiten unterwegs bist und halb verhungerst«, gab Ilse zu bedenken.

»Oh, richtig. Ich schmiere dir ein paar Brote«, bestätigte Großmutter diesen Gedanken.

Julian ließ sich langsam auf seinen Stuhl zurück sinken und lehnte sich zu Ilse hinüber.

»Was habe ich verpasst?«, flüsterte er, damit seine Großmutter es nicht hörte.

»Hat unser Julian etwas verpasst?«, rief der Frauenkopf laut und grinste den jungen Mann schadenfroh an.

Dieser wedelte mit den Händen und sah die Frau ohne Körper flehend an, doch es half nichts. Die Großmutter hatte sie gehört, drehte sich halb zu ihm um und sah ihn tadelnd an.

»Nichts, was du ihm zu gegebener Zeit nicht erklären könntest«, schmunzelte sie in Ilses Richtung und diese sah sehr zufrieden aus.

»Heißt das, du willst mitkommen?«, fragte Julian und schluckte schwer.

»Wir sind beide der Ansicht, dass man dich nicht alleine in die Welt schicken darf. Also ja«, erwiderte Ilse und schloss huldvoll die Augen.

»Danke, das ist aber nett von dir«, freute sich der junge Mann und lehnte sich entspannt zurück.

Es erleichterte ihn zu wissen, dass er nicht alleine würde gehen müssen. Und er freute sich, die Gesellschaft seiner Ilse genießen zu dürfen. Wenngleich sie manchmal etwas schwierig war, so war sie doch zu einem Teil seiner Familie geworden.

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