Kapitel 8

Julian (oder: Einer, der auszog, weil es anders nicht ging)

Kapitel 8

»Hast du das auch gehört?«, fragte Julian den Kopf an seiner Seite, doch schien der Wolf sich angesprochen zu fühlen.

»Ach, das war nichts«, entgegnete er und winkte ab.

»Lauf weg«, war nun wieder die Stimme zu hören.

»Da war es doch wieder«, stieß der junge Mann aus und lauschte angespannt.

»Ich sage doch, da ist nichts«, erwiderte der Wolf nochmals und schlug sich mit der geballten Faust auf den Bauch und ein erstickter Schmerzenslaut war zu vernehmen, »wirklich. Du kannst mir glauben. Ich sehe doch nicht wie ein Lügner aus, hm?«

»Oh mein Gott, du Dummbatz. Wirst du wohl endlich verstehen, dass dieser fette Wolf einen Menschen verschluckt hat und dieser in seinem Bauch ist, aber noch lebt?«, rief Ilse entnervt, die die Szenerie bisher stillschweigend aus dem Beutel heraus verfolgt hatte.

»Soll das heißen...«, begann Julian, brach dann aber ab und grübelte einen Moment, »hast du wirklich einen Menschen am Stück verschluckt?«

»Nun ja, was soll ich sagen, zum Kauen bin ich oft zu faul«, gab der Wolf zu und wirkte ehrlich betrübt.

»Aber wenn du hier einen Menschen verschluckt hast, dann war das sicherlich meine Großmutter, oder?«, fragte Julian nach, während sich ihm ganz langsam die Zusammenhänge offenbarten.

»Wenn das die alte, schwer verdauliche Frau war, die hier gelebt hat«, bestätigte der Wolf Julians Befürchtungen mit einem boshaften Grinsen.

»Dann werden wir dich aufschneiden und ihr da heraus helfen müssen«, erklärte Julian und holte ein sehr großes Messer.

»Was soll das? Nein. Das will ich nicht«, rief der Wolf entgeistert und Julian ließ das Messer sinken.

»Was schlägst du dann vor?«, wollte er wissen und blickte den Wolf fragend an.

»Wieso sollte ich dir etwas vorschlagen? Für mich ist diese Situation höchst angenehm. Ich habe gegessen und du wartest als Happen für später«, lächelte der Wolf überheblich und pulte sich mit einer Kralle ein Stück Stoff aus einer Zahnlücke.

Julian packte der Zorn. Mit großen Schritten stand er wie im Nu neben dem Bett, hatte den Wolf am Nacken gepackt und funkelte ihn wütend an. Dem Ausdruck in den Augen des Wolfes nach zu urteilen, verstand er die Drohung genauestens.

»Aber du willst nicht, dass ich dich aufschneiden. Nicht wahr?«, knurrte er bedrohlicher, als es irgendein Wolf hätte fertig bringen können, »ich frage noch ein letztes Mal, was schlägst du vor?«

Der Wolf jaulte leise, gab aber keine Antwort. Julian spürte, wie der Zorn ihn zu übermannen drohte, verstärkte den Griff am Messer und zog den Kopf des Wolfes zurück. Gerade als er zustechen wollte und so beinahe seine Prinzipien verworfen hätte um seine Großmutter zu retten, meldete sich Ilse wieder zu Wort.

»Lass den Fettwanst hier liegen und gehe in den Wald. Dort gibt es ein Kraut, das ihn zwingen wird deiner Großmutter die Freiheit zu schenken«, rief sie aus und bewahrte Julian vor seiner unbedachten Tat.

»Was denn für ein Kraut?«, fragte der verdutzt innehaltende, junge Mann.

»Ich kenne es unter dem Namen Schnellschissfarn. Aber wie es wirklich heißt kann ich dir auch nicht sagen«, antwortete der Kopf der toten Müllerin aufrichtig.

Julian ließ den Wolf los und dieser sank ängstlich dreinblickend in die Kissen.

»Wir sind gleich wieder hier«, verkündete er laut und blickte dem Wolf zornig in die Augen.

»Das tut doch keine Eile«, grinste das Raubtier schief und ließ die Ohren hängen.

»Ich habe nicht mit dir gesprochen. Das galt meiner Großmutter«, erwiderte Julian, ehe er das Haus verließ und unter Ilses Richtungsangabe in den Wald lief.

Die Sonne stach an diesem Tag erbarmungslos vom Himmel herab und Julian kam schwer ins Schwitzen, bis er den Waldrand erreichte und Ilse ihm gebot, den Pfad zu verlassen. Das saftige Dickicht empfing ihn mit Schatten und frischer Luft und Julian tauchte in die willkommenen Abkühlung ein. Schon nach wenigen Schritten spürte er die belebende Kraft des Forsts in seine Lungen strömen und durch seine Adern pulsieren. Nach kurzem, beherztem, tiefem Durchatmen lief der junge Mann geradewegs hinein, in das Zwielicht des Waldes.

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