Julian (oder: Einer, der auszog, weil es anders nicht ging)
Kapitel 9
Ilse führte Julian mit traumwandlerischer Sicherheit durch das Unterholz. Nie verlor sie den Überblick und wusste stets, wohin sich die Schritte des jungen Mannes richten mussten. Schließlich betrat er eine Lichtung, auf der ein eigentümlicher Dunst schwebte. Den Schwaden haftete ein wenig angenehmer Duft an, der Julian aber latent bekannt vorkam.
»Hier ist es«, erklärte der Kopf, der an seiner Seite baumelte.
»Hier? Wirklich?«, staunte der junge Mann und zog die Nase kraus.
»Wenn ich es dir doch sage«, erhielt er zur Antwort und vernahm ein schnaubendes Geräusch aus dem Beutel, »der Duft ist unvergessen. Ich habe das Kraut gerne genutzt, wenn mein nichtsnutziger Herr Gatte mal wieder dachte, er müsse auf eine Runde im Wirtshaus vorbeischauen.«
»Was hat das mit dem Kraut zu tun?«, wollte Julian wissen und kratzte sich am Kopf.
»Wer nicht vom Abort kommt, kann nicht saufen gehen«, lachte Ilse keckernd und fuhr dann in eindringlichem Ton fort, »aber sei wachsam. Die Bewohner dieses Waldes sind nicht gerade für ihre Gastfreundschaft bekannt.«
»Bewohner?«, grübelte Julian und besah die Lichtung mit nachdenklichem Blick, »ich habe bisher niemanden gesehen.«
»Es ist nicht nötig jemanden zu sehen, um ihn zu fürchten«, entgegnete der Kopf geheimnisvoll.
Noch während er über die Worte nachdachte, machte Julian einen Schritt auf den Rand des Dickichts zu. Mit wachsamen Augen behielt er das Unterholz im Blick und versuchte irgendwo eine Bewegung auszumachen. Doch bemerkte er nicht das geringste.
»Also ich sehe hier keinen«, sagte er in bestimmten Ton, »nur ein altes, windschiefes Häuschen.«
»Und wo ein Haus ist...«, begann Ilse und wartete darauf, dass Julian von selbst auf die Lösung kam.
»Du meinst, dass dort noch jemand wohnt?«, erkundigte sich der junge Mann und betrachtete die halb verfallene Bretterbude.
»Es ist schließlich ein Haus, nicht wahr?«, antwortete der Frauenkopf, »was würdest du erwarten dort vorzufinden?«
Mit vorsichtigen Schritten näherte sich Julian dem Haus. Sein Blick suchte unentwegt die Umgebung ab, doch wollte er auch das Haus nicht aus den Augen verlieren. Alles blieb gespenstisch Still. Langsam und bedächtig schlich sich der Junge an, bis er endlich an einem Fenster zu stehen kam und einen Blick ins Innere wagte.
»Leer. Da wohnt bestimmt keiner«, verkündete er und machte Anstalten, sich zur Tür zu begeben, als er eine leise flüsternde Stimme vernahm.
Schnell drückte er sich an die Seite des Hauses und hoffte, dass der Herannahende ihn nicht entdecken würde. Die Stimme näherte sich dem Haus ebenso langsam, wie Julian sich zuvor angeschlichen hatte. Nur dass der Ankömmling sich aus der entgegengesetzten Richtung näherte.
»...und wen schickt man da?«, konnte Julian die gewisperten Worte schließlich verstehen, »mich natürlich. Dabei weis er doch, dass ich Angst vor Gespenstern habe. So eine Gemeinheit.«
So ging es in einem fort. Dem zitterigen Tonfall nach zu urteilen, wollte sich der Kerl selbst Mut machen, indem er die Stille vertrieb, die wie ein Leichentuch über dem Häuschen lag. Ein kaum hörbares Klicken ertönte, als der Ankömmling die Tür leise öffnete und sich in das dunkle Innere des Holzverschlags stahl.
»Seinen geübten Bewegungen nach zu urteilen würde ich sagen, dass er sich nicht das erste Mal unbemerkt Zutritt verschafft«, flüsterte Ilse und Julian nickte stumm.
Kurz darauf hielt er es in seinem Versteck nicht mehr aus und erhob sich. Ganz langsam lehnte er seinen Kopf in das Fenster, um sehen zu können, was sich im Inneren ereignete.
»Heb mich hoch. Ich will auch sehen, was da drin passiert«, bat Ilse und Julian gehorchte.
Er kramte sie aus dem Beutel und hielt sie an den Haaren auf Fensterhöhe. Gebannt versuchten die Beiden etwas zu erkennen, da blickte sie ein junger, ungewaschener Mann mit aufgerissenen Augen durch die gesprungen Scheiben an. Zunächst schien er nicht recht zu wissen, was er tun sollte, doch dann ließ er einen markerschütternden Schrei erklingen und rief panisch um Hilfe.
