Kapitel 7

Julian (oder: Einer, der auszog, weil es anders nicht ging)

Kapitel 7

»Großmutter?«, fragte der junge Mann mit fester Stimme und schob die Tür behutsam weiter auf, bis sie an der Wand anlag.

Er erhielt keine Antwort, lediglich ein leises Geräusch drang an sein Ohr, das er nicht zuzuordnen vermochte. Die Wohnung war das reinste Durcheinander und Julian wunderte sich, wie es seiner sonst so auf Ordnung bedachten Großmutter gelungen war, das Häuschen derart zuzurichten. Ein Stuhl lag umgekippt vor dem Tisch auf dem Boden, als sei jemand hastig davon aufgesprungen und hätte ihn umgestoßen. Das Geschirr lag wild verstreut auf dem Tisch und auf dem Boden waren Kleidungsstücke zu sehen. Scheinbar hatte es die alte Frau sehr eilig gehabt.

Auf leisen Sohlen schlich Julian um den Tisch herum und erstarrte, als er das Bett erblickte. Jemand lag darin, aber um seine Großmutter konnte es sich nie und nimmer handeln. Dazu war der Körper, der sich unter der Decke verbarg, zu groß und zu dick. Der junge Mann blieb mit ein paar Schritten Abstand stehen und räusperte sich vernehmlich. Doch der Schlafende reagierte nicht darauf.

»Hallo?«, rief Julian den Schläfer an und dieser erwachte grunzend.

Verschlafen hob er den Kopf ein wenig an und Julian konnte einen ersten Blick auf sein Gesicht werfen. Zuerst fiel ihm eine sehr behaarte, lange, graubraune Schnauze auf. Spitze, große Zähne ragten aus den Kiefern und Spuckefäden hingen in den Lücken dazwischen. Die braunen Augen blickten Julian interessiert an, aber von Verärgerung, dass der junge Mann ihn geweckt hatte, war bei dem Fremden im Bett keine Spur zu entdecken.

Die Decke wurde von krallenartigen Fingern mit spitzen, schmutzigen Nägeln gehalten. Auch die Hände waren mit dem graubraunen Fell überzogen, das das Gesicht verunzierte. Wenn Julian nicht alles täuschte, so lag ein riesiger, menschenähnlicher Wolf in dem Bett seiner Großmutter.

»Wer bist du?«, wollte Julian auch sogleich wissen.

»Aber ich bin es doch, deine liebe Großmutter«, gab der Mann im Bett mit kratzender, schnarrender Stimme zurück.

»Aber sind deine Ohren nicht zu groß?«, hakte Julian nach.

»Achwas«, brummte der Kerl mit tiefer Stimme, räusperte sich verlegen und sprach mit verstellter, hoher Stimme weiter, »das ist doch nur, dass ich jedes Wort, das du sagst, verstehen kann.«

»Und deine Augen? Die habe ich irgendwie kleiner in Erinnerung«, begutachtete der junge Mann sein Gegenüber weiter und kam zu dem Schluss, dass es sich um einen Wolf handeln musste.

»Das macht die Brille. Die habe ich im Bett nicht auf. Sonst trage ich sie, um dich besser sehen zu können«, antwortete der Wolf und seine Zunge leckte genüsslich über seine Lippen, während er Julian eingehender betrachtete.

»Und deine Hände? Die sehen riesig aus und auch irgendwie gefährlich«, fragte Julian den Wolf weiter aus.

»Mir fehlt das Spülwasser. Außerdem werden meine alten Knochen langsam morsch. Komm her und gib deiner Großmutter einen Kuss«, erwiderte der Kerl und streckte eine seiner Pranken nach dem ehemaligen Müllersknecht aus, ohne ihn erreichen zu können.

»Und dieses große Maul mit den spitzen Zähnen«, überlegte Julian weiter und machte einen kleinen Schritt auf das Bett zu, »du bist nicht meine Großmutter. Da kannst du viel herumlügen. Du bist ein Wolf. Und du hast bestimmt meine Großmutter gefressen. Ich habe im Dorf neulich von einem wie dir gehört, der kleinen Mädchen im Wald auflauert. Aber mich kannst du nicht hinters Licht führen.«

Er blickte den Wolf trotzig triumphierend an und hob stolz das Kinn. Die böse Kreatur riss die Augen erstaunt auf und wurde plötzlich sehr wütend.

»Warte nur, du Lump. Ich zeige dir was es heißt, mich zu verspotten«, brüllte der Wolf und versuchte sich zu erheben, was ihm kläglich misslang, »warte noch. Gleich hab ich's.«

Als der Wolf die Decke wütend zur Seite schwang, präsentierte er Julian den Grund für seine Unfähigkeit aufzustehen. Ein dicker, runder Bauch drückte mit seinem massiven Gewicht den Körper des Wolfes auf die Matratze. Das Raubtier kämpfte gegen die Last an und versuchte sich hoch zu stemmen, doch gelingen wollte es ihm nicht.

»Na schön, du Winzling. Du wartest schön, bis ich meine letzte Mahlzeit verdaut habe, damit ich dich als nächstes fressen kann. Hast du das verstanden?«, knurrte er böse und sein Bauch geriet in Wallung, dass es beinahe so aussah, als würde sich etwas in ihm bewegen.

»Hör nicht auf ihn, lauf weg«, drang eine ferne, dumpfe Stimme an seine Ohren.

© Urheberrecht. Alle Rechte vorbehalten. 

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.