Kapitel 6

Julian (oder: Einer, der auszog, weil es anders nicht ging)

Kapitel 6

Julian schlief sich richtig aus und erwachte erst gegen Mittag. Da ihr die Mühle und deren Geschäfte nun egal sein konnten, war die ehemalige Müllerin damit einverstanden, dass er den Vormittag verschlief. Schließlich hatte der junge Mann am Tag zuvor einiges durchgemacht und so war es ihr verständlich, dass er Erholung brauchte.

»Guten Morgen«, begrüßte Julian den Kopf, der noch immer auf dem Tisch lag und streckte sich mit einem geräuschvollen Gähnen, »wie habt ihr geschlafen, Frau Müllerin?«

»Zunächst einmal nennst du mich nicht mehr so«, entgegnete diese und rollte mit den Augen, »eine Müllerin bin ich nun ja wirklich nicht mehr. Und ich habe überhaupt nicht geschlafen.«

»Wie soll ich euch denn dann nennen?«, erkundigte sich der junge Mann und wartete geduldig auf die Antwort.

»Nenne mich bei meinem Vornamen. Ich heiße Ilse«, sagte die Frau schließlich nach einigem Überlegen.

»In Ordnung, das mache ich. Und warum hast du nicht geschlafen? Warst du denn gar nicht müde?«, war er aufrichtig an ihrem Befinden interessiert.

»Nein, tatsächlich nicht«, erhielt er zur Antwort, »ich weiß nicht einmal, ob ich überhaupt noch Schlaf benötige. Das ist auch für mich alles neu.«

»Wie kommt es denn, dass du als Kopf ohne Körper weiterlebst?«, wollte Julian seine Neugier stillen.

»Auch das kann ich dir nicht mit Gewissheit sagen«, erwiderte Ilse und blickte nachdenklich aus dem Fenster, »mein Mann erhob sich plötzlich und Schritt auf mich zu. Hinter ihm erschien ein seltsamer Kerl, der sich eins kicherte und dabei zusah, wie mein Mann begann, mich bei lebendigem Leibe aufzufressen. Irgendwann, als die Schmerzen unerträglich geworden waren, bot mir dieser Kerl an, mich von meinem Leiden zu befreien. Ich willigte ein und spürte fortan nichts mehr. Das, was mal mein Mann gewesen war, hat meinen Körper dennoch vollends verspeist. Gerade, als er sich meinem Kopf widmen wollte, war das Geräusch der Mühlentür zu vernehmen, er hinkte davon und dann kamst auch schon du.«

Julian nickte, als würde er alles verstehen, konnte ihren Ausführungen aber nicht voll und ganz folgen. Ilse bemerkte das zwar, überging es aber und tat so, als würde sie ihm das abkaufen. Nachdem Julian etwas gegessen hatte, sammelte er alle Habseligkeiten, die ihnen nützlich erschienen, zusammen und sie verließen die Mühle. Da sie keinen Körper mehr besaß, verspürte Ilse auch keinerlei Hunger mehr. Bei ihrem letzten Abschied von dem Hof, auf dem sie sich seit so vielen Jahren aufgehalten hatte, rollte ihr eine Träne über die Wange. Als sie dann sicher in einem Jutebeutel, den Julian noch mit Luft- und Gucklöchern versehen hatte, verstaut an Julians Gürtel baumelte, folgten sie dem Weg, der sie zu Julians Großmutter bringen sollte.

Der Kopf wackelte heftig hin und her und Ilse ließ jedesmal einen lauten, wenig damenhaften Fluch hören, wenn sie wieder schmerzhaft gegen Julians Seite stieß.

»Bitte, sei nicht so laut. Sonst kann ich dich auch offen herumtragen. Die Leute werden noch misstrauisch«, versuchte Julian die Frau zur Raison zu rufen.

»Sollen sie doch. Was kümmert's mich? Geh ruhiger, oder werde angestarrt«, fauchte ihn die Stimme aus dem Beutel an.

»Sei doch nicht so. Bitte«, versuchte es der junge Mann weiter und hoffte inständig auf ein Einsehen seiner Begleiterin, »am Ende schicken sie noch einen Pastor, der dich austreiben soll.«

»Was? Mich austreiben?«, erklang ein entsetzter Ruf aus dem Jutesack, »das würdest du doch wohl nicht zulassen, oder?«

»Sofern ich es verhindern kann, nicht«, erklärte Julian aufrichtig, doch nahm Ilse seine Antwort als Mahnung war.

»Ist gut, ist gut. Ich werde so still sein, wie es mir möglich ist. Nur bitte gehe ruhiger, sodass ich nicht so heftig herumgeschleudert werde. Mir ist schon ganz drieselig«, gab sie klein bei und wirklich waren fortan nur noch seltene, leise Flüche von ihr vernehmbar und Julian passte seinen Gang an, sodass Ilse es bequemer hatte.

Als Julian das Haus seiner Großmutter sah, war ihm gleich klar, dass etwas nicht stimmte. Die Tür stand offen, aus dem Kamin stieg kein Qualm auf und es fehlte der Duft nach einem deftigen, gekochten Mittagessen. Er verlangsamte seine Schritte und versuchte sich schon aus einiger Entfernung einen Überblick zu verschaffen. Schließlich langte er an der Tür an und warf einen Blick ins Innere des kleinen Häuschens.

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