Julian (oder: Einer, der auszog, weil es anders nicht ging)
Kapitel 5
Nach kurzem Warten begann das Wasser zu brodeln und zu blubbern. Ein grünliches Licht erhellte den Bach genau an der Stelle, wo der Müller versunken war. Julians Augen schmerzten, als das grelle Leuchten ihn unvorbereitet blendete und er hielt eine Hand schützend davor. Der Umriss eines Körpers, der wie wild zuckte, war auf dem Bachgrund zu erkennen. Es gab keinen Zweifel, wer dort leuchtete und zappelte, doch konnte Julian sich nicht erklären, weshalb der Müller derart auf das Bad reagierte. Mit einem deutlich vernehmbaren Plopp endete der Spuk und eine übel stinkende Wolke stieg von dem Wasser auf, wurde vom Luftzug erfasst und verwirbelt. Dann war alles still.
»Was war denn das?«, grübelte der Müllersknecht und kratzte sich am Kopf.
Eine geraume Zeit stand er am Ufer und wartete darauf, dass sich noch etwas ereignen würde. Als er verstanden hatte, dass nichts mehr geschah und der unheimliche Zauber vorbei war, machte er kehrt und lief zur Mühle zurück. Trotz der verwirrenden Geschehnisse war sein Hunger unverändert stark und er beschloss, sich eine Kleinigkeit aus dem Müllershaus zu organisieren.
»Da hatte ich vor lauter Arbeit den roten Kerl doch glatt vergessen«, murmelte Julian kopfschüttelnd, während er zum Müllershaus zurück lief, »das wollte er mir also Demonstrieren.«
Als er sich dem Haus der Müllerfamilie genähert hatte, verstummte Julian, denn die Eingangstüre stand offen.
»Na, das wird ja immer merkwürdiger, hier«, murmelte er, lief direkt zum Haus und rief ins Innere nach der Müllerin.
Als die Antwort ausblieb entschloss er sich dazu, nach der Frau zu suchen und betrat das Haus. Doch war es ihm nicht möglich, die Türe hinter sich zu schließen, weil etwas im Eingang lag. Die Tür stieß dagegen und blockierte. Also bückte er sich nach dem Gegenstand und hob ihn auf. Er griff in strähnige Wollfäden und hob das Ding an.
»Was machst du da?«, hörte er die Stimme der Müllerin plötzlich direkt neben sich und hielt erschrocken inne.
»Entschuldigung. Ich habe euch nicht bemerkt«, entgegnete er und erhob sich, um sich der Frau zu zu wenden.
Doch konnte er sie nicht entdecken. Wieder drang die Stimme der Müllerin von seiner Seite an ihn. Sie klang verärgert und leicht verzerrt.
»Ich fragte, was du da machst?«, wollte sie wissen und Julian dreht sich zu ihr um, doch wieder konnte er niemanden sehen.
»Wo seid ihr?«, wollte er wissen.
»Du hälst mich doch fest, du Trottel«, erklang die genervte Antwort.
Der junge Mann verstand nicht sofort, blickte an sich hinab und nur langsam drang die Erkenntnis in sein Bewusstsein, dass er noch immer den Gegenstand in der Hand hielt, den er vom Boden aufgehoben hatte. Mit einer langsamen, zögerlichen Bewegung hob er seinen Arm und begutachtete das Fundstück. Als er es vor sein Gesicht erhoben hatte, sah er in das mürrisch drein blickende Antlitz der Müllerin. Sie sah ihn aus milchig-weißen Augen an und ihre Stirn war eine einzige Zornesfalte.
»Hast du es nun auch endlich begriffen?«, keifte sie und Spuckefädchen flogen dem Knecht entgegen.
Hastig legte er den Kopf wieder auf den Boden.
»Entschuldigung. Ich wollte euch nicht zu nahe treten, Frau Müllerin«, erklärte sich der junge Mann und machte ein betretenes Gesicht.
»Wirst du mich wohl nicht wieder in den Dreck legen, du Hanswurst«, empörte sich der Kopf und funkelte Julian zornig an.
Dieser griff hastig nach den Haaren, zog die Müllerin mit Schwung empor, ignorierte ihren Aufschrei und suchte nach einem geeigneteren Platz, um sie abzulegen. Schließlich fegte er den Tisch, der an einem der Fenster stand, mit einer Hand leer und legte den Schädel dort ab.
»Ist es hier besser?«, wollte er sogleich wissen.
»Sei nicht so grob, du Tollpatsch«, maulte der Kopf und sah sich um, »naja. Besser. Nicht optimal, aber allemal besser, als auf dem Boden zu liegen.«
»Und was soll jetzt werden?«, fragte Julian in die eintretende Stille hinein.
Die Müllerin legte ihr Gesicht in angestrengte Falten, als sie darüber nachdachte. Auch Julian gab sich große Mühe nachzudenken, wenngleich es ihn einige Mühe kostete.
»Die Mühle gibt es nun nicht mehr. Du bist in jedem Fall von deinem Dienst hier freigestellt«, verkündete die Müllerin schließlich.
»Wirklich?«, wollte Julian wissen.
Einerseits fühlte es sich grandios an, wieder frei zu sein und nicht mehr in der Mühle schuften zu müssen. Andererseits wusste er nicht weiter, denn er brauchte doch Arbeit um Geld zu verdienen, um seiner Großmutter helfen zu können.
»Es sieht ganz so aus«, schloss die Müllerin, »was hast du denn jetzt vor?«
»Keine Ahnung«, entgegnete der junge Mann und ließ sich mit einem lauten Seufzer auf den Stuhl sinken.
»Ich mache dir einen Vorschlag«, sagte der Kopf und ein leichtes Lächeln umspielte die Lippen der sonst so harschen Frau, »egal, wo es dich hin verschlägt. Nimm mich mit. Du kannst mich in einem Beutel tragen, sodass die Leute mich nicht sehen. Ich werde dir mit Rat zur Seite stehen und dafür liege ich nicht hier im Dreck, bis irgendein Priester oder Jäger oder Gutmensch vorbeikommt und mir den Gar aus macht. Was sagst du?«
Julian versank in schweigsame Überlegungen. Er kam zu dem Schluss, jemanden bei sich zu haben, der ihm Ratschläge erteilen konnte und der aufpasste, dass ihn niemand über den Tisch zog, klang nach einer guten Sache.
»Abgemacht«, entgegnete er daher und hielt dem Kopf die Hand entgegen, um ihren Bund zu besiegeln.
»Oh man«, stöhnte die Müllerin, »hoffentlich bereue ich das nicht noch.«
