Julian (oder: Einer, der auszog, weil es anders nicht ging)
Kapitel 4
Da stand Julian also alleine in der Mühle. Unschlüssig, was er nun wohl tun sollte, blickte er zwischen dem Mühlstein, der darauf wartete mit Körnern gefüttert zu werden, und der Tür nach draußen, wo eine Demonstration des Teufels auf ihn warten sollte, hin und her. Schließlich seufzte der junge Mann, zuckte die Schultern und begab sich zu einem Sack, der mit Weizenkörnern gefüllt war, warf sich diesen über die Schulter und schleppte ihn zum Mühlstein.
»Was auch immer dieser Kerl da getan hat. Das kann warten. Ich habe noch viel Arbeit nachzuholen«, murmelte der Müllersknecht und versank in seiner Arbeit.
Das Mittagessen vergaß er darüber. Da sein Tag erst spät begonnen hatte, endete seine Arbeit auch deutlich später als sonst. Als Julian schließlich das Tagwerk erledigt hatte war es draußen schon finster geworden. Daher mussten sich seine Augen erst an die Dunkelheit gewöhnen und er konnte nur Schemen erkennen, nachdem er durch die Tür geschritten war. Ein kühler Lufthauch wehte ihm um die Nase und er fühlte sich sogleich belebt. Sein Magen machte sich mit einem lauten Knurren bemerkbar.
Da nahm er eine Bewegung zu seiner Linken war und drehte seinen Kopf in diese Richtung. Es musste wohl ein Mensch sein, der über den Hof gelaufen kam. Doch irgendetwas an den Bewegungen irritierte den jungen Mann. Sie waren irgendwie ungelenk und staksig. Ein leiser Laut drang aus der Dunkelheit, der an ein Stöhnen erinnerte.
»Hallo? Wer ist dort?«, rief Julian dem Unbekannten zu.
Als Antwort erhielt er wiederum ein Stöhnen, das ihm die Nackenhaare zu Berge stehe ließ. Er stieg die Treppe hinunter und wandte sich der Person zu. Seine Sicht hatte sich bereits ein bisschen umgewöhnt und so war es ihm möglich, den Mann besser zu sehen.
»Braucht ihr Hilfe? Soll ich jemanden holen?«, versuchte es der Müllersknecht nochmals, doch auch diesmal hörte er nur ein schauriges Stöhnen und das Schlurfen schwerer Füße auf der Erde.
Als der Unbekannte nahe genug herangekommen war, erkannte Julian ihn und starrte ihn verwirrt an.
»Herr Müller? Wie ist das möglich? Müsstet ihr nicht tot sein?«, rief er aus und betrachtete seinen tot geglaubten Herrn genauer.
Er sah ganz und gar nicht gut aus. Blasse Haut, milchige gelb-weiße Augen, grünlich wirkende Adern, die alle sichtbaren Stellen durchzogen und im Mund fehlten einige Zähne. Dafür waren die übrigen Zähne spitz wie Dolche. Ein Ekel erregender Gestank breitete sich von ihm aus und Julian machte zwei große Schritte zurück. Er wollte diesen Gestank nicht ertragen müssen und lief dem Müller immer zwei Schritte davon, wenn dieser sich näherte. Bei jedem Schritt folgte der Müller ihm, als wollte er nichts anderes, als bei ihm anzukommen.
»Oh nein, was stinkt ihr so?«, rief Julian aus und wich weiterhin mit angewidertem Gesichtsausdruck zurück.
Lediglich ein kehliges Keuchen entrang sich dem Rachen seines Herrn Müller. Weiterhin sah sich der junge Mann vom Gestank verfolgt, während der Ältere ihm auf Schritt und Tritt nachging. Ein bisschen seltsam fand Julian das Gebaren wohl, doch reagierte der Müller auf keine Ansprache, keine Geste oder sonstige Handlung.
»Wascht euch bitte zuerst«, rief Julian zum Beispiel.
»Was fehlt euch, dass ihr solch einen Gestank verbreitet?«, ein anderes Mal.
Er fuchtelte mit den Händen, drohte mit der erhobenen Faust, lief ein paar schnelle Schritte weg, doch nichts, was er tat schien auch nur den geringsten Effekt auf den Müller zu haben. Weiter und weiter folgte ihm der Ältere humpelnd und schlurfend, da kam Julian der vielleicht rettende Einfall, wie er dem Gestank entwischen könnte.
»Hier entlang«, rief er dem Müller zu und winkte, ihm zu folgen.
Das Reden und Gestikulieren hätte sich der Knecht sparen können, reagierte der Andere doch ohnehin nicht darauf. Doch fühlte es sich einerseits gut an und andererseits wurde sein Vorhaben so reeller und greifbarer. Langsam lotste Julian den Müller den Weg zum Bach entlang. An einer Stelle, von der der junge Mann wusste, dass sie tiefer war, kam er zu stehen und wartete mit angehaltem Atem auf das Herannahen des Müllers. Gerade als dieser ihn erreicht hatte und sich auf den jungen Mann werfen wollte, machte Julian einen raschen Schritt nach vorne, packte den Müller am Kragen und warf ihn mit einem kräftigen Schwung in das klare Wasser des Mühlbachs. Mit einem lauten Platschen verschwand der beleibte Mann und Julian wartete darauf, dass er wieder auftauchte.
Doch es kam ganz anders, als er sich dachte.
