Julian (oder: Einer, der auszog, weil es anders nicht ging)
Kapitel 3
Doch wie Julian nun einmal war, so grübelte er nicht all zu lange über die Geschehnisse nach. Die Arbeit ging ihm gut von der Hand und er konnte dabei immer bestens den Kopf abschalten. Irgendwann verspürte er Hunger, also musste es wohl auf den Mittag zugehen. So beschloss er eine Pause einzulegen und sich bei der Müllerin nach einem Mittagessen zu erkundigen. Er wollte gerade zur Türe hinausgehen, da trat der unfreundliche, hagere Mann aus dem Schatten hervor, dem er bereits am Morgen bei der Brücke begegnet war.
»Wohin des Weges?«, fragte er mit dem gleichen lauernden Unterton, der Julian schon bei ihrer ersten Begegnung so sehr missfallen hatte.
»Ach, du bist es?«, erwiderte der Müllersknecht anstelle einer Antwort auf die an ihn gerichtete Frage, »wie kommst du hier herein?«
»Ich will mal so sagen, dass es kaum Türen oder gar Schlösser gibt, die mich aufhalten könnten. Wenn ich Zutritt wünsche, so bekomme ich ihn auch«, erhielt er zu Antwort und der rote Mann zeigte ein teuflisches Grinsen.
»Nun, du kommst zur falschen Zeit. Ich werde jetzt in den Mittag gehen. Warte nur hier, bis ich wieder komme. Aber zum Schwatzen bin ich sicher nicht aufgelegt. Ich habe noch viel Arbeit vor mir. Mein Herr Müller ist heute verstorben und alle Arbeit bleibt an mir hängen«, erklärte Julian, doch der Teufel lachte nur.
»Das weiß ich doch, mein lieber Julian«, erwiderte er und zeigte sich sehr selbstsicher, »was meinst du, weshalb ein gesunder Mann, wie dein Herr Müller, so plötzlich das Zeitige segnet? Ich habe ihn seiner Seele beraubt. Und du warst der Grund dafür.«
»Was hast du?«, fuhr Julian auf und wollte den Kerl packen, doch im nächsten Moment stand der Teufel in einer anderen Ecke des Raumes und ließ ein boshaftes Lachen hören.
Julian blickte ihm irritiert hinterher und senkte die Arme.
»Nicht so schnell«, kicherte der Rote, »so einfach wirst du meiner nicht habhaft.«
Doch Julians Zorn war ebenso rasch verflogen, wie er aufgezogen war. Seine plötzlich klammen Hände an seiner Hose trocken reibend warf er dem roten Mann einen bangen Blick zu. Es war die wie beiläufig eingestreute Bemerkung des Teufels, die ihn bedrückte.
»Was meinst du damit, dass ich der Grund war. Wofür war ich der Grund? Für das Ableben des Müllers?«, fragte Julian und begriff erst jetzt die volle Tragweite dessen, was der böse Geist von sich gegeben hatte.
»Was war dein Wunsch, als wir uns heute an der alten Brücke begegneten?«, grinste der Teufel mit Unschuldsmine.
»Aber ich habe dir doch gesagt, du sollte das Weite suchen. Von welchem Wunsch sprichst du da?«, erkundigte sich der Knecht und kratzte sich irritiert am Kopf.
»Papperlapapp. Das ist doch eine unwichtige Bagatelle. Fakt ist, dass du dir gewünscht hast, dem Müller keine Antwort schuldig sein zu müssen, oder nicht?«, erwiderte der Teufel und sah dabei sehr zufrieden aus.
»Aber das habe ich mir nicht von dir gewünscht. Das habe ich so vor mich hin gesagt«, begehrte der junge Mann auf.
»Das tut nichts zur Sache«, grinste der Rote boshaft, »Wunsch ist Wunsch. Und da du ihn in meiner Gegenwart formuliert hast, darf ich ihn dir erfüllen. Und im Austausch schuldest du mir eine Gegenleistung.«
»Welcher Art sollte diese Leistung dann wohl sein?«, fragt Julian, der allmählich begriff, dass er einem Betrug zum Opfer gefallen war, dessen Konsequenzen er sich nicht entziehen konnte.
»Nun sei nicht so niedergeschlagen. Deine Seele darf ich so nicht einfordern. Die hättest du mir offerieren müssen. Nein, nein, mein Lieber, sei ohne Sorge«, erwiderte der böse Geist und kam lässig auf den jungen Mann zugeschlendert, »du wirst mir helfen eine ganz bestimmte Seele zu bekommen, die mir ohnehin bereits gehört. Dieser kleine Mistkäfer ist mir lediglich ausgebüxt.«
Julian schwante nichts Gutes. Wenn ihn nicht alles täuschte, so musste er jemanden umbringen, um dessen Seele zum Teufel zu schicken. Doch dazu war er nicht im Geringsten bereit. Er wollte niemanden töten oder jemandem grundlos Schaden zufügen.
»Und wenn ich mich weigere?«, fragte er daher.
»Gehe hinaus auf den Hof und erfahre, was mit jenen passiert, die sich ihrer Verpflichtung gegenüber dem Teufel verweigern«, sprach der Fürst der Finsternis mit Unheil verkündender, drohender Stimme und verschwand in einer Wolke, die den üblen Geruch von Schwefel in der Mühle hinterließ.
