Julian (oder: Einer, der auszog, weil es anders nicht ging)
Kapitel 2
Als Julian an der Mühle eintraf bemerkte er sofort, dass etwas anders war, als üblich. Er war vielleicht nicht der Schlauste und auch keinesfalls der Schnellste, doch brauchte er keine Unterstützung um zu begreifen, dass etwas schlimmes passiert sein musste. Erstens stand die Kutsche des Dorfarztes in der Mühleneinfahrt, zweitens saß die Müllerin auf der Treppe zum Wohnhaus der Müllerfamilie und drittens lag der Müller reglos auf dem Boden vor der Mühle und wurde vom Arzt untersucht. Mit messerscharfer Klarheit kombinierte Julian, dass es dem Müller nicht gut ging.
»Es tut mir leid, Frau Müllerin. Da ist nichts mehr zu machen«, hörte Julian den Doktor sagen und sah, wie er ein Leintuch über den leblosen Körper ausbreitete.
Die Müllerin quittierte diese Geste mit einem lauten Aufschluchzen und steigerte sich dann in einen immer heftiger werdenden Heulkrampf hinein.
»Guten Tag, Frau Müllerin«, rief Julian schon aus einiger Entfernung, »was ist denn passiert?«
Die Müllersfrau verstummte, hob den Blick zu Julian und wischte sich mit dem Ärmel Rotz und Tränen aus dem Gesicht.
»Ja, was denkst denn du?«, antwortete sie mit zitteriger Stimme, »wonach sieht es aus? Mein Mann ist von uns gegangen.«
»Ja, das habe ich bemerkt. Aber wie kam es denn dazu?«, wollte der Knecht wissen.
»Er fiel einfach um, wie vom Schlag getroffen und vom Donner gerührt«, sagte sie mit tonloser Stimme und wurde erneut von heftigem Weinen durchgeschüttelt.
Julian wusste nicht so recht, wie er mit der Situation umgehen sollte, deshalb blieb er am unteren Treppenabsatz stehen, blickte auf den verdeckten Leichnam des verstorbenen Müllers und wartete auf ein Zeichen, was nun als nächstes zu tun war. Doch außer dem Wehklagen und Schluchzen der Müllerswittwe wollte sich nichts weiter ereignen. Julian wusste nicht weiter und blickte zum wolkenlosen Himmel empor. War alles aus? Würde er sich eine neue Arbeit suchen müssen, einen neuen Herrn, in dessen Dienste er treten könnte?
»Was soll ich jetzt tun?«, fragte er gen Himmel und hoffte auf eine Eingebung.
»Was fragst du so dumm?«, erhielt er zur Antwort und bekam einen riesigen Schrecken, ob der Klarheit der Aussage, »geh zurück an deine Arbeit.«
Es dauerte, bis der junge Knecht begriff. Langsam drehte er sich zur Müllerin um und blickte sie fragend an.
»Das warten ihr, richtig? Ihr habt gerade gesprochen«, teilte er seinen Verdacht mit.
»Ja, wer den sonst? Ist noch jemand hier? Siehst du noch eine andere trauernde Frau, die dir auf deine dummen Fragen antworten könnte?«, verlangte sie kopfschüttelnd zu wissen.
»Nun, nein. Ich dachte nur, vielleicht kam es vom lieben Gott«, erwiderte Julian und kam sich ein klein wenig dumm dabei vor.
»Mach, dass du an die Arbeit gehst!«, rief die Müllerin erbost aus und erhob sich.
Mit zwei zornigen Schritten stand sie vor dem Knecht und lehnte sich so weit nach vorne, dass Julian schon dachte, sie wollte ihn küssen. Doch stellte er schnell fest, dass er einem Irrtum aufsaß, und spürte tiefe Erleichterung .
»Oder muss ich dir Beine machen?«, fragte die Müllerin und ihre Stimme war zu einem bedrohlichen Zischen zusammengeschrumpft.
Julian drehte sich um, lief zur Mühle, machte einen großen Schritt über den toten Müller hinweg und betrat seine Arbeitsstätte. Er war nur froh von der wütenden Müllerin fort zu kommen.
Im Inneren der Mühle war es angenehm kühl und trocken. Leichter Mehlstaub lag auf allem, was sich in dem runden Raum befand. Julian zog seinen Arbeitskittel an, löste die Verriegelung und begann damit, Korn aus Säcken unter die Mühlsteine zu streuen.
»Sehr sonderbar, dieser Tag«, überlegte er, während er dem Weizen dabei zusah, wie er zerdrückte wurde, »sehr, sehr sonderbar.«
