Julian Kapitel 1

Julian (oder: Einer, der auszog, weil es anders nicht ging)

Kapitel 1

Eines Morgens erwachte Julian, der Knecht des alten Müllers, zu spät. Er wusste, dass es Ärger geben würde und während er sich den Schlaf aus den Augen rieb, überlegte er fieberhaft, was er dem alten Müller sagen sollte. Irgendetwas musste ihm doch einfallen, das ihm aus dieser Misere helfen konnte. Doch so sehr er auch grübelte und sich die dunkelbraunen, strubbeligen Haare raufte, es wollte ihm nicht einfallen.

»Dämlicher Mist«, maulte er, als er über die kleine Brücke ging, und nach einem Stein trat.

Der Kiesel flog im hohen Bogen in den Bach, der seine Bahn durch das malerische Tal zog, in dem die Mühle stand. Doch blieb das Geräusch aus, das der Stein hätte hervorrufen müssen, wenn er in den seichten Fluten verschwand. Verwundert blieb der junge Mann stehen und blickte sich um. Da wurde er einer schlanken Gestalt gewahr, die den Kiesel in der Hand hielt.

»Sei mir gegrüßt, Julian«, sprach der Fremde ihn mit zischender Stimme an.

Julian war das nicht geheuer. Woher wusste der Andere seinen Namen? Und wieso sah der Kerl so komisch aus? Vom Kopf bis zu den Füßen war seine Haut rot, ein schwarzer Ziegenbart verlängerte das Kinn des hageren Gesichts und die geschwungenen Augenbrauen verliehen dem Antlitz etwas ernstes, aber auch etwas verschlagenes. Wäre das nicht schon genügend Grund zum Wundern gewesen, so irritierten Julian zusätzlich das Fell, wo andere eine Hose trugen, der lange Schwanz, der in einer schwarzen Quaste endete, und die Füße, die eher an die Hufe einer Ziege erinnerten.

»Und wer seid ihr?«, fragte der Knecht gerade heraus und bemerkte zu spät, dass er unhöflich war, »wenn ich fragen darf«, schob er deshalb noch schnell nach.

»Tut das etwas zur Sache, mein junger Freund? Oder ist es von größerer Bedeutung, was ich dir anbieten werde?«, schnarrte der rote Mann und blickte Julian herausfordernd an.

»Nun, ich weiß ganz gerne, mit wem ich es zu tun habe. Noch dazu, wo ihr doch meinen Namen kennt, werter Herr«, erklärte Julian sein unbehagen, »wie soll ich euch nennen?«

»Ich habe viele Namen. Gib mir einfach einen weiteren und nenne mich, wie du es für richtig hälst. Und lass das Ihr weg. Das ist nicht nötig«, erwiderte der Fremde und lächelte ein Gewinnerlächeln.

»Also gut. Dann werde ich dich Schlappi nennen«, entschied der junge Mann.

Der Fremde sah nicht glücklich aus. Seine Augen flackerten für einen Moment auf und die Pupillen schienen kurze Zeit in Flammen zu stehen. Die rote Haut in seinem Gesicht nahm einen tieferen Rotton an.

»Wie kommst du denn auf diesen bescheuerten Namen?«, verlangte er zu wissen.

»So hieß mein Hund. Aber der ist letzten Freitag gestorben. Also ist der Name wieder frei und du kannst ihn haben«, erklärte Julian und sah leicht beleidigt aus.

»Na hör mal«, erwiderte der Andere und wurde zornig, »also dann, vergiss es. So lasse ich mich nicht rufen. Ich habe viele, viele Namen und kein einziger darunter, ist derart bescheuert.«

»Das war jetzt nicht nett«, entgegnete der Müllersknecht, dem Fairness und Respekt sehr wichtig waren.

»Und was soll das nun wieder bedeuten?«, blaffte der Fremde ihn an und sein rotes Gesicht verfärbte sich noch dunkler.

»Man kann sich ja auch mal im Ton vergreifen. Aber eine Entschuldigung sollte dann wohl nicht zu viel verlangt sein«, führte Julian aus und sah den Anderen tadelnd an, ganz so, wie es seine Großmutter immer getan hatte.

»Ich soll was?«, schrie der hagere Mann auf und machte einen energischen Schritt auf Julian zu, »weißt du Dummkopf denn nicht, wer ich bin?«

»Nein, du magst es mir ja auch nicht verraten«, gab Julian in strengem Ton zurück.

»Ich bin der Fürst der Dunkelheit. Ich bin der Herrscher der sieben Höllen», schrie der Mann und steigerte sich immer weiter in seine Wut hinein, »ICH BIN DER TEUFEL!«

Julian ließ das aufbrausende Verhalten kalt. Er war schon oft zur Zielscheibe der Wut und des Zorns anderer geworden. Es störte ihn nicht einmal mehr, wenn jemand sich so verhielt. Lediglich die Respektlosigkeit, die mit diesem Verhalten einherging, konnte er beim besten Willen nicht akzeptieren.

»Aber wie heißt du?«, verlangte er mit Nachdruck zu wissen.

Da begann die Luft um den Fremden zu flirren, als würde sie kochen. Mit einem lauten Knall verschwand der fremde, rote Mann und hinterließ nur eine Rauchwolke, die nach Schwefel und vergammeltem Fleisch roch.

»Seltsamer Kerl«, murmelte Julian irritiert und begab sich wieder auf seinen Weg, »wegen dem komme ich jetzt noch später.«

Er versank erneut in tiefer Grübelei, wie er dem Müller entgegentreten sollte. Die Geschichte, die sich soeben ereignet hatte, konnte er doch unmöglich erzählen. Der Müller würde ihm kein Wort glauben. Eher würde er ihn für verrückt erklären und davon jagen. Aber das konnte er nicht gebrauchen. Nicht schon wieder. Er brauchte die Arbeit, oder vielmehr das Geld, um sich um seine kranke Großmutter kümmern zu können. Wenn ihm doch nur irgendein Gedanke käme.

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