Julian (oder: Einer, der auszog, weil es anders nicht ging)

Kapitel 13

»Ws sll ds«, grunzte der Wolf undeutlich, während Julian den Druck um seine Kiefer verstärkte.

Er durfte das Maul nicht auf bekommen. So viel war sicher. Und der junge Knecht würde nichts unversucht lassen, um ihn genau daran zu hindern.

»Gh wg«, grummelte das Ungetüm und griff mit seinen starken Pranken nach Julians Schultern, als sich ein gequälter Laut aus seiner Kehle löste.

Tränen traten in die geröteten Augen und der Wolf griff nach den Händen des jungen Mannes. Quiekende Laute ausstoßend zog er mit aller Kraft an den menschlichen Händen, doch hatte er nicht mit der Kraft gerechnet, die die Arbeit in der Mühle Julian verliehen hatte. Dampfwölkchen stiegen aus den Nüstern des Wolfes, während er zu zappeln, zu strampeln und erstickt zu jaulen begann. Tränen liefen ihm in Rinnsalen aus den Augen und bildeten klebrige, feuchte Furchen an der Schnauze. Doch weder Angst noch Mitgefühl hinderten Julian daran, den Druck um die Kiefer zu halten, bis der Wolf deutlich vernehmbar schluckte.

»Geschafft!«, stieß Ilse im Beutel freudig hervor, »er hat es geschluckt.«

Julian ließ sofort von ihm ab und lief zur Tür, um nötigenfalls rasch aus der Reichweite der Bestie zu kommen, die infernalisch zu brüllen und heftig zu strampeln begonnen hatte. Von Krämpfen geschüttelt versuchte der Wolf sich zu erheben, doch brach er direkt vor dem Bett auf dem Boden zusammen. Ein Wimmern drang aus seinem tiefsten Inneren, während er sich den Bauch mit verkrampften Pfoten hielt. Tränennasse Augen blickten Julian vorwurfsvoll an.

»Was passiert jetzt?«, wollte der junge Mann wissen.

»Was denkst du? Er wird es nicht mehr bis in den Wald schaffen, wenn du verstehst«, lachte Ilse keckernd und Julian verstand.

»Igitt!«, rief er und stürmte aus dem Haus.

Während er neben dem Eingang stand, und konzentriert vom Haus weg schaute, ertönte aus dem Inneren ein verstörendes Konzert aus Würgelauten, Flatulenztönen, Flüchen und schmerzvollem Gejaule. Julian versuchte sich nach Möglichkeit abzulenken, doch als sich auf einmal ein plätschernder Klang, wie von Wasser, das in einen Tümpel fällt, in das Konzert mischte und ein Geruch von Schwefel und Verwesung an seine Nase drang, wurde es ihm zu viel. Er erbrach sich in das Blumenbeet seiner Großmutter und richtete sich zitternd auf. Die Farbe war aus seinem Gesicht gewichen und er musste sich an der Hauswand abstützen, damit seine Knie nicht unter seinem Gewicht nach gaben.

»So war das bei meinem Mann auch immer«, rief Ilse lachend, »und auch damals war ich diejenige, die den ganzen Spaß hatte.«

»Dieser Gestank gefällt dir auch noch?«, stöhnte Julian und würgte, als er gegen einen erneuten Brechreiz ankämpfte.

Doch die Selbstbeherrschung unterlag und so spendierte der junge Mann Omas Blumen einen weiteren Schwall Erbrochenes. Ilses Lachen klang gehässig in seinen Ohren. Geduldig wartete der Frauenkopf darauf, dass der junge Mann wieder ein Ohr für ihre Unterhaltung hatte.

»Das ist der Geruch des Triumphes und ich höre dir Fanfaren des Sieges«, rief sie lachend, als Julian sich wieder beruhigt hatte.

Der junge Mann starrte den Beutel an seiner Seite fassungslos an. Ihm war es unbegreiflich, wie man so sein konnte. Gerade als er zu einer Erwiderung ansetzte, war ein Poltern im Haus zu vernehmen, und Julian lenkte seine Aufmerksamkeit auf die Tür.

»Es ist plötzlich so still«, bemerkte er überflüssigerweiße und auch Ilse verstummte.

Schlurfende Schritte, die sich ihren Weg durch die schwappende, stinkende, zähflüssige Brühe suchten, die langsam aus der Tür wabbelte, waren zu hören. Julian versteifte sich. Er hoffte, dass der Wolf zu erschöpft und angeschlagen war, als dass er mit ihm hätte kämpfen müssen. Er war sich nicht sicher, ob er es mit diesem Ungetüm aufnehmen konnte. Noch dazu war auch Julian ordentlich mitgenommen, von dem, was da gerade passiert war. Doch kam es ganz anders, als der junge Mann erwartet hatte.

Schnaufend, keuchend, zerzaust und zerknittert erschien seine Großmutter in der Tür, hielt sich mit einer Hand am Türrahmen fest und erbrach sich auf die Schwelle.

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