Julian (oder: Einer, der auszog, weil es anders nicht ging)

Kapitel 12

»Das hast du erschnüffelt?«, staunte Julian und nickte Ilse bewundernd zu.

»Iwo. Ich kenne das Kraut und weiß, wie es aussieht. Nein, nein, ich mag nur einfach den Geruch in diesem Wald so gerne«, antwortete der Frauenkopf und lachte keckernd.

»Oh, leidest du etwa seit deinem Tod an Geschmacksverirrung?«, verlieh Julian seinem Mitgefühl Ausdruck.

»Wieso? Ich habe das auch schon früher gerne gerochen. Das, was aus deinem Opfer herauskommen wird, wird hundert Mal schlimmer riechen. Dagegen ist der Duft hier eine Wohltat. Das kann ich dir versprechen«, entgegnete Ilse und ließ erneut ihr keckerndes Lachen hören.

Julian zuckte lediglich mit den Schultern, nahm einen großzügigen Strauß des Krauts, das dem Wolf übel mitspielen sollte, und machte sich auf den Rückweg.

»Meinst du nicht, deine Großmutter würde sich über ein paar Blumen freuen?«, fragte Ilse und wies mit dem Kinn auf wunderschöne Rosen, die im Unterholz wuchsen.

»Du willst mich verschaukeln, oder?«, entgegnete Julian und schüttelte ungläubig den Kopf, »ich habe doch jetzt keine Zeit um Blumen pflücken zu gehen. Wir sind schon zu lange weg, Großmutter braucht unseren Beistand, so schnell wie möglich.«

»Mach was du willst. Ich würde mich jedenfalls über Blumen freuen, wenn ich gerade so etwas durchgemacht hätte, wie deine Großmutter gerade jetzt«, kam die reservierte Antwort.

Julian entschied sich zum Aufbruch und gegen die Ernte. Eiligen Schrittes entfernte er sich von der Lichtung und dem kleinen Haus. Seine Sorge trieb ihn an und der Waldrand kam schon bald in Sicht. Von dort aus war es nicht mehr weit und der junge Mann beschleunigte seine Schritte noch mehr. Er brach wie ein wilder Keiler durch das Dickicht auf die freie Fläche und sah ein paar Hasen und Rehe ängstlich davon hüpfen.

»'tschuldigung«, rief er knapp und winkte den Tieren freundlich hinterher.

In Windeseile war er am kleinen Haus seiner Großmutter angelangt.

Der Wolf lag in unveränderter Haltung im Bett und gab ein leises Schnarchkonzert von sich. Julian zog seine Schuhe aus, um weniger Geräusche zu verursachen, wenn er sich dem Bett näherte, da hörte er neben sich ein kehliges Geräusch und fuhr erschrocken herum. Doch konnte er nichts und niemanden sehen, der dieses Geräusch verursacht hatte.

»Und du wagst es tatsächlich von Geschmacksverirrung und Gestank zu reden?«, vernahm er Ilses Stimme und ihm wurde klar, woher das Geräusch gekommen war, »bei dem, was deine Socken hier verbreiten, freue ich mich auf das Ergebnis der Kräuterkur bei unserem schwierigen Patienten hier.«

»Sei doch um Himmelswillen still«, zischte Julian, »du weckst den Kerl ja noch auf.«

»Bei diesem bestialischen Gestank fällt der doch sofort wieder in Ohnmacht«, rief Ilse aus und kam seiner Aufforderung keinen Deut nach.

»Ich bin nun schon seit gestern auf den Beinen, habe in der Mühle geschuftet und bin Kreuz und Quer durch die Gegend gelaufen. Entschuldige bitte, wenn meine Füße da keinen Wohlgeruch verströmen«, entgegnete der junge Mann verärgert.

»Bei den Viechern im Wald hast du doch gelernt, wie du mit heiler Haut verduften kannst«, erwiderte der Frauenkopf und betonte das Wort verduften ganz besonders.

»Woher soll ich wissen, ob das Schlaflied auch bei diesem Wolf hier funktioniert?«, wollte Julian im Flüsterton wissen und schlich zwei Schritte auf den Schlafenden zu.

»Das wirst du nur wissen, wenn du es versuchst«, gab Ilse zurück und verstummte.

Scheinbar hatte sogar sie begriffen, wie ernst die Gefahr wurde. Sollte der Wolf erwachen bevor Julian sein Vorhaben in die Tat umgesetzt hatte, könnte es aus sein mit ihnen. Mit einem Haps würde die Bestie sie verschlingen.

Langsam, ganz langsam zog Julian die starken Kiefer des Wolfes auseinander, bis er einen ausreichend großen Spalt geöffnet hatte. Er schob das Kraut, das er im Wald gesammelt hatte, in das riesige Maul und drückte die Kiefer wieder fest aufeinander. Sobald er das Maul verschlossen hatte und die Kiefer mit aller Kraft aufeinander presste, kam Leben in den Wolf, und mit einem wütenden Knurren klappte er die boshaft funkelnden Augen auf.

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