Julian (oder: Einer, der auszog, weil es anders nicht ging)

Kapitel 14

»Großmutter!«, rief Julian und stürzte zu ihr, um sie zu stützen.

Erneut musste er mit dem Brechreiz kämpfen, als er sich der Verwüstung im Inneren näherte, doch blieb er standhaft und führte seine Großmutter ein Stück fort, wo sie sich ins Gras sinken ließen.

»Mein Junge«, begrüßte sie ihn, nachdem sie sich gesammelt hatte, und streichelte seine Wange, »danke.«

Es tat Julian in der Seele weh, seine Großmutter so zittrig und schwach zu sehen, doch freute er sich, dass sie lebte.

»Ich habe mir große Sorgen gemacht«, entgegnete er und hielt ihre Hand.

»Das kann ich verstehen. An deiner Stelle wäre es mir nicht anders ergangen. Nur hätte ich dich sicherlich nicht retten können«, erwiderte die Großmutter und tätschelte Julians Hand.

»Ilse, wie hast du denn euer Haus wieder bewohnbar machen können?«, fragte dieser und erhielt einen verwunderte Blick seiner Oma, die noch viel irritierter schaute, als der Beutel, den ihr Enkel an seiner Seite trug, antwortete.

»Wer sagt, dass ich das habe?«, versetzte Insel und kicherte, sodass sie sich wie eine Hexe anhörte.

»Aber ich kenne doch das Müllershaus. Ich war das eine oder andere Mal drin«, antwortete Julian mit fester Stimme, denn er wollte sich nicht an der Nase herumführen lassen.

»Hast du dich schon einmal gefragt, warum unser Haus so klein war?«, wollte der Frauenkopf wissen und eine unangenehme Pause entstand.

Julian drängte sich ein Gedanke auf, den er nicht weiter verfolgen wollte. Scheinbar kam seine Großmutter auf den selben Gedanken. Doch war es schließlich Ilse, die weitersprach.

»Wir hatten ein größeres Haus, das aber nie wieder bewohnbar wurde«, erklärte sie und ihrer Stimme war die Freude geradezu anzuhören, »wir mussten ausziehen. Einst besaßen wir ein Haus, eine Scheune, zwei Schuppen und die Mühle. Heute kennt man nur noch ein Haus und eine Mühle. Rate mal, woran das liegen mag.«

Erneut trat Stille ein, während Julian und seine Großmutter über die Worte nachdachten. Das keckernde Lachen, das wie immer einsetzte, wenn Ilse sich diebische freute, bereitete dem jungen Mann eine Gänsehaut.

»Hast du die anderen Häuser abgebrannt?«, fragte er schließlich.

»Nein, nein. Wo denkst du hin? Hast du denn nie die riesigen, wohlduftenden Rosensträucher bemerkt?«, entgegnete Ilse.

»Du meinst das undurchdringliche Gestrüpp, das bei der Mühle beginnt und sich bis zu eurem Haus... Oh«, erkundigte sich Julian und verstand plötzlich.

»Ja, genau diese Rosen«, erwiderte der Frauenkopf im Beutel und lachte, »eine alte Zauberin hatte mir von dem Kraut und den Rosen in diesem Wald erzählt. Wenn man den richtigen Dünger benutzt und die rechten Worte spricht, so wächst eine Dornenhecke, die auf hundert Jahre niemand durchbrechen wird. Ich glaubte ihr zunächst natürlich kein Wort. Doch versuchte ich es trotzdem und siehe da, sie hatte die Wahrheit gesagt.«

»Deshalb sollte ich die Rosen mitnehmen?«, erkundigte sich Julian und Ilse stieß einen bestätigenden Laut aus, »warum hast du das nicht gesagt?«

»Hatte ich dich nicht gefragt, ob du deiner Großmutter Rosen mitbringen möchtest?«

»Doch, schon. Aber richtig erklärt hast du es auch nicht«, verteidigte sich der junge Mann.

»Über Rosen hätte ich mich gefreut«, beteiligte sich nun auch seine Großmutter an dem Gespräch, die scheinbar mühelos akzeptierte, dass der Beutel sprechen konnte.

»Ich war in Sorge und in Eile«, gab Julian zu bedenken.

»Aber ein paar Rosen pflücken, während du daran vorbei läufst. Das hätte doch sicher gehen können«, erwiderte die Großmutter und sah ihn tadelnd an, »wo du noch dazu mein Blumenbeet zerstört hast.«

»Das war doch...«, begann Julian, wurde aber von Ilse unterbrochen.

»Vergessen sie nicht das Haus, Gnädigste«, rief sie mit strenger Stimme.

»Genau, das Haus...«, stieg die Großmutter ein und blickte zu ihrem Heim.

In diesem Moment stürzte der Wolf heraus. Als schreckenerregender Schatten baute er sich auf, hob den Kopf und setzte zu einem schauerlichen Heulen an. Doch bekam er keinen Ton heraus, sah sich schüchtern um, ob ihn jemand beobachtet hatte, und stellte mit zufriedener Mine fest, dass er niemanden sah. Wankend und schwankend stahl er sich fort, während er zusammengekrümmt seinen Bauch hielt.

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