Julian (oder: Einer, der auszog, weil es anders nicht ging)
Kapitel 10
Nun brach ein Tumult los. Mit einem Satz verschwand der Kerl aus seinem Sichtfeld und als nächstes hörte Julian einen schmerzerfüllten Schrei, gefolgt von wütenden Lauten, die direkt aus der Hölle zu kommen schienen. Es rumpelte, es krachte, ein weiterer Schrei ertönte, dann war es kurzzeitig still. Bis ein infernalisches Konzert losbrach, der Kerl durch die Tür stolperte und im Laufschritt das Weite suchte. Auf seiner wilden Flucht stieß er die schlimmsten Verwünschungen hervor und rief, die Arme in die Luft werfend, um Hilfe. Am Waldrand konnte Julian weitere solcher Kerle sehen, die von einen zum anderen Moment im Dickicht verschwanden.
Mit klopfendem Herzen setzte sich der junge Mann, mit dem Rücken an die Bude gelehnt, auf den Boden und legte den Frauenkopf neben sich ab.
»Was tust du da?«, wollte Ilse wissen.
»Ich bin ziemlich erschrocken und muss mich nur kurz ausruhen«, erklärte Julian und atmete tief durch.
»Und du denkst nicht, dass das, was den Räuber vertrieben hat hier heraus kommen und uns angreifen könnte?«, hakte Ilse nach.
»Nun, darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht«, gab Julian zu und erhob sich schwerfällig.
Als er wieder aufrecht stand, fiel sein Blick auf das gesprungene Fenster. Zwei funkelnde Augen waren auf ihn gerichtet.
»Ilse, was nun?«, hoffte er auf den Beistand der Frau.
»Was weis ich? Ich liege hier im Dreck und sehe außer diesem nichts weiter«, gab sie grummelnd zurück, »hätte der feine Herr wohl die Güte mich aufzuheben?«
Doch Julian war wie gelähmt und somit nicht in der Lage der Bitte seiner Begleiterin nachzukommen. Wie hypnotisiert blickte er in die Augen, deren Pupillen wie schmale, aufrechte Schlitze geformt waren. Ein intelligenter Ausdruck lag in diesen Augen, der den jungen Mann verunsicherte. Da näherte sich das Gesicht der Scheibe und Julian konnte sich ein zwar verzerrtes, aber dennoch deutlicheres Bild von dem Wesen machen.
»Eine Katze«, wunderte er sich und sein Herzschlag normalisierte sich.
»Was soll das nun wieder heißen?«, entfuhr es dem Frauenkopf.
Ilse war sichtlich genervt davon, sich mit Hilfe ihrer Zunge leicht aufzurichten, nur um wieder und wieder umzukippen. Sie verlieh ihrem Unmut mit Lauten und Flüchen Ausdruck und blieb schließlich, auf einer Wange und einem Auge ruhend, liegen.
»Das Monster, das hier haust, ist eine Katze. Ich habe sie ganz deutlich gesehen«, erwiderte Julian aufgeregt, »aber jetzt ist sie weg.«
Im Vorbeigehen klaubte der junge Mann den Kopf auf und lief zur Eingangstür, die schief in den Angeln hing. Als er die Beschädigungen sah, hielt er kurz inne, unschlüssig, ob es intelligent war, weiter vorzudringen. Doch schließlich siegten Mut und Neugier und er gab der Pforte einen sanften Schubs. Die Angeln quietschen und das Holz knarrte, als der Blick in das diffus erhellte Innere frei wurde. Drinnen rührte sich nichts und die Stille war beinahe greifbar. Da flammte plötzlich der Blick der Katzenaugen auf und Julian hielt abrupt inne.
»Hallo Kätzchen. Keine Angst, ich tu dir nichts«, grüßte er das Tier in freundlichem Ton.
»Was machst du denn nun schon wieder? Das wäre die erste Katze, die einen Menschen verstehen kann«, schnarrte Ilse und lachte trocken.
»Vielleicht die erste, weil ich schon so alt bin. Aber beileibe nicht die einzige«, entgegnete die Katze mit leisem Schnurren und sofort verstummten Julian und Ilse.
»Was ist los? Hat es euch die Sprache verschlagen?«, wollte die Katze nach kurzem Warten wissen, doch sowohl der junge Mann als auch der Kopf waren sprachlos.
»Ach, lass sie doch. Die sehen nicht gefährlich aus«, ließ sich eine nuschelnde Stimme aus den finsteren Ecken des Raumes vernehmen.
Julian drehte sich in die Richtung, aus der der neue Sprecher zu hören war und sah gebannt dabei zu, wie sich ein Hund aus den Schatten in sein Sichtfeld schob.
»Wer...«, begann Julian, räusperte sich und begann von neuem, »wer seid ihr? Und weshalb sprecht ihr meine Sprache?«
»Wir sind Musikanten und auf dem Weg in die Stadt, denn wir wollen Stadtmusikanten werden«, krächzte eine laute Stimme vom Schrank und ließ ein durchdringendes Krähen ertönen.
