Erwachen
Stöhnend erwachte er und wusste nicht wo er war. Er hörte lediglich dieses beständige Piepsen. Ein nervtötender Ton, der ihm schon nach kurzer Zeit durch Mark und Bein ging.
Wo war er hier? Hatten ihn diese Psychos letzten Endes doch noch erwischt? Warum sollte er dann noch leben?
So viele Fragen und sein Kopf schmerzte zu sehr, als dass er zu einem vernünftigen Gedanken fähig gewesen wäre. Die Trägheit fiel nur langsam von ihm ab.
Was hatten diese Mistkerle ihm bloß gegeben, dass er kaum zur Besinnung kam. Er versuchte die Augenlider zu heben, doch war diese Handlung schon beinahe zu viel für ihn.
Ohne das Geringste dagegen tun zu können verdunkelte sich die Welt um ihn und er sank in einen tiefen Schlaf.
Er erwachte von neuem. Das erste, was er hörte, war der unerträgliche Piepton. Er hatte nicht wenig Lust sich den Kerl zu packen, der ihn hier neben diese Höllenmaschine gelegt hatte, und windelweich zu prügeln.
Was dachten sich diese Idioten dabei? Meinten sie, er hätte so lange in der Außenwelt überlebt und würde sich einfach so festhalten lassen? Diese Wichser würden ihn schon sehr bald besser kennen lernen. Und ihn besser zu kennen würde bedeuten, dass sie das Tageslicht niemals mehr erblicken würden. Doch so sehr ihn diese Gedanken auch in Rage versetzten, er war noch immer nicht in der Lage seine Augen zu öffnen. Was hatten sie nur mit ihm gemacht? Und was hatten sie noch vor ihm anzutun?
Wieder glitt er erschöpft in den Schlaf um erneut zu sich zu kommen. Er hatte keinerlei Zeitgefühl und wusste nicht, wie lange er schon so da lag. Doch etwas war anders. Es schoss ihm wie ein Blitz durch den Schädel, der höllisch zu schmerzen begann. Er war nicht alleine. Jemand war hier im Zimmer und unterhielt sich mit gedämpfter Stimme.
Zunächst war er nicht in der Lage, sich auch nur auf ein Wort zu konzentrieren. Doch zwang er seinen Geist zur Ruhe, wie er das draußen so oft getan hatte, und verstand plötzlich die Worte, die da gesprochen wurden.
»...sollten ihn einfach weiterhin im Wachkoma halten. Wir wissen nichts über die Risiken und die Schäden, die entstehen können«, war eine männliche Stimme zu vernehmen.
Dem Klang nach, war der Mann noch jünger.
»Da mögen Sie Recht haben. Aber bedenken Sie bitte auch, welche Konsequenzen es nach sich ziehen würde, würden wir ihn ewig anästhesieren«, erwiderte eine Frauenstimme, die ihm latent bekannt vorkam.
»Natürlich bedenke ich das. Hirnschäden, bis hin zum Hirntod. Lähmungserscheinungen, die zum Herzstillstand führen können. Und so weiter. Dessen bin ich mir voll und ganz bewusst. Doch was ist mit den unbekannten Folgen, wenn er erwacht? Hat denn niemand meine Ausführungen gelesen?«, rief der Mann aufgebracht.
Er schien sich aufrichtig über etwas zu ärgern.
»Doch. Aber wir müssen diese Risiken eingehen. Schließlich funktioniert die Rekonstruierung dank Proband TOM 199/7 erst wirklich und es ist möglich Ergebnissevorzulegen. Wir müssen sein Leben unter allen Umständen erhalten«, echauffierte sich die Frau und eine unangenehme Stille entstand.
»Sie haben ja Recht. Das weiß ich doch längst. Trotzdem fürchte ich mich davor, was noch alles passieren kann«, gab der Mann kleinlaut bei und eine Tür schloss sich.
Er war wieder alleine. Lediglich sein ständiger Begleiter, das nervig piepende EKG, war noch zu hören.
»Ich muss hier raus«, dachte er bei sich, »egal wie, aber ich muss von diesem unheimlichen Ort fliehen.«
Wieder und wieder dämmerte er weg und erwachte. Wieder und wieder versuchte er die Augen zu öffnen. Wieder und wieder misslang sein Vorhaben. Bis zu diesem einen Morgen.
Schon als er zu sich kam spürte er, dass etwas anders war als sonst. Er strotzte nur so vor Energie und als er versuchte die Augen zu öffnen, da klappte es plötzlich. Es kam so unverhofft, dass ihm ganz schwindelig wurde. Vielleicht lag es aber auch daran, dass er schon seit einer gefühlten Ewigkeit kein Auge mehr aufgetan hatte. Oder der Umstand, dass die Drogen oder Medikamente oder was auch immer sie ihm verabreicht hatten, nun ihre Wirkung verloren und seinen Geist frei gaben. Er wusste es nicht und es war ihm auch egal.
Fakt war, dass er sich top fit fühlte und der Zeitpunkt der Flucht gekommen war. Er überlegte fieberhaft, was er wusste und wie es ihm dabei helfen konnte, hier heraus zu kommen. Doch leider erwies sich seine Kenntnis über diesen Ort, seine Bewohner und deren Beweggründe als faktisch nicht existent.
Aus Angst die Maschinen, an die er angeschlossen war, würden ihn verraten, wagte er noch nicht sich zu bewegen. So verharrte er still und unbewegt auf dem Bett, auf das sie ihn gelegt hatten, während sie weiß Gott was mit ihm angestellt haben.
»Ein Bett«, kam es ihm in den Sinn, »das hatte ich mir so sehr gewünscht und was wurde daraus? Dreckige Menschenfresser. Und jetzt liege ich wieder bequem und gemütlich in einem und habe eine Scheißangst. Was wollen die von mir? Warum haben sie mich nicht einfach gefressen?«
Er konnte sich ein nervöses Grinsen nicht verkneifen. In seiner Panik hörte er das EKG in einem schnelleren Rhythmus piepen, was ihm eine Gänsehaut über den Körper jagte.
»Ich muss meinen Puls unter Kontrolle kriegen. Sonst ist es aus mit mir«, dachte er und verlangsamte bewusst seine Atmung.
Mit einem tiefen Zug sog er die Luft ein und ließ sie langsam und gleichmäßig entweichen. Beim Einatmen zählte er gedanklich bis eins, beim Ausatmen bis drei. Schon nach einem kurzen Moment spürte er die Wirkung und vernahm zufrieden, wie das Gepiepe langsamer und gleichmäßiger wurde.
Gerade als das Gerät wieder so klang, wie er es gewohnt war, öffnete sich die Tür. Jemand trat neben das Bett, drückte Knöpfe und raschelten mit Papier. Mit geschlossenen Augen lag er da und kontrollierte seinen Atem. Jetzt war sicherlich nicht der rechte Zeitpunkt, um in Panik zu geraten. Er hörte die Stimmen, die ihm bereits bekannt waren.
»Hmm, scheinbar ein Flimmern. Sonst nichts bedenkliches«, hörte er den Mann sagen.
Ein Stift kratzte über ein Papier.
»Woher wollen Sie das wissen? Wir sollten die Daten korrekt auswerten, bevor wir Behauptungen aufstellen«, erwiderte die Frau und ein Drucker sprang an.
»Ich vertraue auf die Medikamente und die Apparate. Das ist alles«, gab der Mann zurück.
Eine Weile geschah nichts, da war der Mann wieder zu hören.
»Und? Was brauchbares dabei?«, wollte er von der Frau wissen.
»Ich finde es interessant, aber auch bedenklich. Scheinbar träumt das Subjekt. Das sollte doch unmöglich sein«, versetzte diese in vorwurfsvollem Ton, »aktuell müsste die Dosis noch zu hoch sein, als dass das möglich wäre, richtig?«
»Genau darum geht es ja. Er soll doch träumen. Deswegen wecken wir ihn doch sukzessive auf«, lachte der Mann und die Tür öffnete sich.
»Aber bedenken Sie doch bitte die Studie, die belegt, dass Probanden die Persönlichkeiten aus den rekonstruierten...«
»Rekonstruierten Erinnerungen übernehmen und so unter multipler Persönlichkeit leiden. Oft geht diese Störung einher mit Wahnvorstellungen und Suizid. Ich weiß, ich weiß«, unterbrach der Mann sie in genervten Ton.
»Ich weiß trotzdem nicht, was ich davon halten soll«, überlegte die Frau und entfernte sich von dem Bett, »wir sollten eine Meldung machen.«
»Das sollten wir nicht. Was wir sollten...«, den Rest der Antwort konnte er nicht verstehen, da die Tür geschlossen wurde.
Er spürte sein Herz heftig schlagen, während er sich aufsetzte, um seine Umgebung genauer zu betrachten. Wo immer er da auch hineingeraten war, er musste hier weg. Diese Typen jagten ihm eine Heidenangst ein und er wollte nichts sehnlicher, als von hier zu verschwinden. Langsam erhob er sich.
»Jetzt oder nie. Sie kommen bestimmt nicht so schnell wieder«, murmelte er und fühlte ein heißeres Kratzen in seiner Kehle.
Wie lange hatte er wohl seine Stimme nicht mehr benutzt.
Möglichst leise schlich er zu der Tür und öffnete sie einen Spalt. Vom Gang her drangen keinerlei Geräusche an sein Ohr und er wagte es,einen flüchtigen Blick auf den Flur zu werfen. Niemand war da, niemand außer ihm. Gerade, als er die Türe aufziehen wollte, blieb sein Blick an einer Übersichtskarte hängen, die an der Innenseite der Tür angebracht war.
»Interessant«, raunte er mit krächzendem Unterton und nahm die Karte an sich.
Es handelte sich um einen Fluchtplan, der ihm schließlich bei seiner eigenen Flucht weiterhelfen konnte. Darauf waren seine aktuelle Position und einige Notausgänge eingezeichnet. Wenn er die Karte richtig lesen konnte, dann befand er sich im ersten Obergeschoss. Er müsste nach nur einer Abzweigung auf eine Tür zu einem Treppenhaus treffen, wenn er dem Gang nach links folgen würde. Die Treppe endete an einer Tür, die in eine Art Innenhof führte. Von dort aus, könnte er es schaffen abzuhauen. Sein Herz sprang aufgeregt in seiner Brust auf und ab, als er die Türe leise und mit Bedacht öffnete und rasch in den hellen Flur glitt.
Jeder Schritt schien laut in der stillen Umgebung wider zu hallen und er fürchtete, dass sie auf ihn aufmerksam würden. So schnell es ging, ohne zu viele Geräusche zu verursachen, schlich er an der Wand entlang, bis er an der Abzweigung anlangte.
Sein Blut rauschte in seinen Ohren, als er einen schnellen Blick um die Ecke wagte. Rasch zog er sich wieder zurück und unterdrückte einen Laut des Entsetztens. Auf dem Flur, nahe der Tür, die ihn in die Freiheit hätte bringen sollen, stand jemand. Ein grobschlächtiger Kerl in dunkler Kleidung, die eindeutig militärischen Ursprungs war. Er stand aufrecht und breitbeinig da, so als würde er schon eine geraume Weile dort ausharren und nicht beabsichtigen, in der nächsten Zeit auch nur einen unnötigen Schritt zu tun.
Nun war guter Rat teuer. Eine Lösung für dieses Problem musste her. Und zwar schnell. Er beruhigte erneut seine Atmung und brachte so auch sich zur Ruhe. Dann überlegte er, welche Möglichkeiten er hatte. Damit der Uniformierte nicht auf ihn aufmerksam wurde, zog er sich in den Flur zurück und holte die Karte hervor. Nach kurzem Studium des Übersichtsplanes hatte er sich einen Weg überlegt, der ihn der Freiheit ein gutes Stück näher bringen würde. Dann wären nur noch Geduld, Timing und eine gehörige Portion Glück nötig. Aber kneifen war keine Option. Er musste hier raus. So schnell, wie möglich.
Leise öffnete er eine Tür zu seiner Linken und schlüpfte in den Raum dahinter hinein.
Da hatte sich doch schon Mal sein Glück gemeldet und ihm zu verstehen gegeben, dass er auf dem richtigen Weg war. In dem Raum waren Kisten und Stapelstühle ordentlich aufgereiht und abgedeckt. Die Kammer wurde nicht oft benutzt und er konnte seine nächsten Schritte sehr sorgfältig überdenken und ausführen.
Der Raum hatte eine weitere Tür, die zurück auf den Flur führte, der ihn zur Tür in die Außenwelt bringen sollte. Geräuschlos öffnete er diese Tür und späte durch den Schlitz. Tatsächlich hatte er richtig gelegen und blickte nun von der anderen Seite auf den Wachmann.
Er schloss die Tür und sah sich um. Mehr als Kisten und Stühle stand ihm nicht zur Verfügung, also machte er sich daran, den Inhalt der Kisten zu begutachten. Doch schon die erste machte einen ziemlichen Lärm beim öffnen, sodass er sich nicht traute, sich einer zweiten zu widmen.
Enttäuscht blickte er auf den Inhalt. Schnüre. Was sollte er mit Schnüren anfangen? Er hatte auf etwas gehofft, das er gegen den Wächter einsetzen konnte. Oder etwas, mit dem er hätte Feuer machen, oder irgendwie die Sicht vernebeln können. Aber Schnüre?
Doch dann kam ihm die Eingebung. Er huschte, so leise es ging durch den Raum und stapelten die Kisten um. Die Abdeckplanen raschelten leise und er befürchtete schon, der Kerl auf dem Flur würde ihn hören, doch konnte er leise genug arbeiten, dass er nicht aufflog. Die Stühle ließ er stehen, da sie aus Metall waren und daher zu viel Lärm beim auseinander ziehen und ineinander stecken verursacht hätten.
Als er mit seinem wackeligen Konstrukt zufrieden war, band er die Schnüre aneinander und erhielt so eine sehr lange Schnur, die er wiederum an einer bestimmten Kiste befestigte. Sobald er kräftig an der Schnur ziehen würde, würde der ganze Stapel polternd in sich zusammen brechen. Wenn dann noch genügend Glück vorhanden wäre, würde der Wachmann in den Raum gehen, um nachzusehen und der Weg wäre frei.
Er wollte gerade durch die erste Tür zurück auf den Flur treten, da hörte er eine Stimme, die er in den letzten Tagen schon öfter vernommen hatte.
»Scheiße«, stieß der Mann hervor, »wo ist er hin?«
»Ich sagte doch, es ist nicht sicher, wenn...«, entgegnete die Frau, wurde aber mitten im Wort unterbrochen.
»Das reicht. Wir müssen ihn suchen. Los!«, bellte der Mann und die beiden eilten an der Tür vorbei.
Sie suchten ihn, schoss es ihm durch den Kopf. Er war aufgeflogen. Jetzt müsste sein Timing perfekt sein. Er schlich auf den Flur, gerade als der Mann und die Frau um die Ecke liefen und konnte noch einen weißen Mantel hinter der Wand verschwinden sehen.
»Ist hier jemand vorbei gekommen?«, rief der Mann den Wächter mit aufgebrachter Stimme an.
»Negativ«, kam die militärisch präzise Antwort.
In diesem Moment sah er seine Chance gekommen und zog an der Schnur. Ein höllischer Lärm durchbrach die Stille, als die Kistenberge in dem Lagerraum umfielen.
»Los! Hier rein!«, befahl der Mann und die drei stürmten den Raum von der anderen Seite.
Der Moment der Flucht war gekommen und er rannte zu der Tür, riss sie auf und lief im Eiltempo die Treppe hinunter. Alles ging so schnell, dass er gar nicht mitbekam, wie er plötzlich im Freien stand. Nach kurzem Besinnen sah er sich hastig um und lief dann auf ein kleines Wäldchen zu, das ihn auf seiner Flucht verbergen würde.
Im Schutze der Bäume blieb er stehen, um durchzuatmen. Die Flucht war ihm geglückt. Er war ihnen entkommen. Nichts wie weg von hier. Doch als er sich zum Gehen wandte und ins Tal blickte, setzte sein Herz für einen Moment aus. Er stand erhaben auf einem Hügel und schaute auf eine Stadt. Eine Stadt, die es seit dem großen Feuer nicht mehr hätte geben dürfen. Eine Stadt, in der sich Menschen bewegten, Fahrzeuge fuhren und sogar Hunde umher liefen.
Wo hatten ihn diese Psychos nur hin gebracht?
