Neunter Dezember
Leo öffnete das Fenster und Babette zog los, die Angebetete aus der Luft zu suchen. Irgendwie vertraute der junge Mann auf die Magie, die die Taube und den kleinen Baum zum Sprechen brachte. Und so blickte er der kleinen Gestalt hoffnungsvoll nach, als sie in der Dunkelheit verschwand.
»Alles klar, mein Freund«, erklang die enthusiastische Stimme Jonatanns hinter ihm, »womit beginnen wir? Sollen wir uns um deinen Look kümmern? Oder ist ein Aufhänger für eure erste Begegnung jetzt das Wichtigste? Was meinst du?«
»Naja, also um ehrlich zu sein«, erwiderte Leo und blickte an sich hinab, »viel zum Ändern gibt es da nicht. Ich habe nicht viel Geld und auch sonst... Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich an mir verändern könnte.«
»Kein Problem. Für solche Dinge hast du doch mich«, entgegnete das Bäumchen und tätschelte tröstend Leos Handrücken.
Irgendwie bezweifelte Leo, dass ein zu klein geratener Weihnachtsbaum viel von Mode verstand. Ganz zu schweigen davon, dass er keine Kleidung besaß, die ansatzweise als schick bezeichnet werden konnte.
»Und wie willst du das anstellen? Zauberei, oder was?«, gab er daher missmutig zurück, doch Jonatann verlor seine gute Laune nicht.
»Ach was. Das gibt es doch nur in Büchern. Nein, nein, ich spreche von einer Shoppingtour«, grinste das Bäumchen.
»Ich habe aber kein Geld. Das sagte ich doch schon. Aus nichts lässt sich auch nicht viel mehr als nichts machen«, erwiderte Leo und nahm resignierend Platz.
»Du hast nie gesagt, du hättest kein Geld. Deine Worte waren nicht viel«, ein breites Grinsen stahl sich auf die Züge der kleinen Tanne, »und aus nicht viel, kann man eine ganze Menge machen. Hast du schon Mal etwas von Seconds Hand gehört, oder Flohmarkt? Das reinste Eldorado für Menschen mit wenig Geld und großen Träumen.«
Die gute Laune und Zuversicht Jonatanns waren ansteckend und so konnte auch Leo nicht länger widerstehen. Ein Grinsen, ähnlich dem des Bäumchens, breitete sich auf seinem Gesicht aus.
»Alles klar. Lass uns losziehen«, rief er begeistert und hielt die Hand für einen high five vor Jonatann.
Dieser klatschte mit einem seiner Äste ab und jubelte.
»So gefällst du mir, mein Junge«, erwiderte er und lachte.
So kam es, dass Leo einen Rucksack trug, der sich mit ihm unterhielt, während er von Laden zu Laden ging und die möglichsten und unmöglichsten Kleidungsstücke aus Regalen zog. Jonatann, der im Rucksack saß, quittierte jedes Stück mit einer Mischung aus einem Laut, der je nach Aussehen und Zustand seine Zustimmung oder Missbilligung ausdrückte, und einer passenden Bemerkung.
»Oh du meine Güte, der ist perfekt«, jubelte das Bäumchen schließlich, das durch den halb geöffneten Reißverschluss aus dem Rucksack blicken konnte.
Leo drehte sich um und nahm einen Anzug von der Stange, der sehr elegant wirkte.
»Ein bisschen teuer«, murmelte er zweifelnd.
Das gute Stück hätte einen großen Teil seiner Ersparnisse verschlungen.
»Doch nicht das olle Teil«, bemerkte das Tännchen, als er den Anzug vor die Öffnung im Rucksack hielt, »der Pullover.«
Leo Griff nach dem einzigen Pullover, den er in besagtem Regal finden konnte. Zweifelnd hielt er ihn hoch.
»Den hier?«, fragte er seinen verborgenen Freund, doch glaubte er nicht daran, dass er diesen meinte.
»Ja, genau«, flüsterte Jonatann bedächtig, »er ist perfekt.«
