Siebter Dezember

»Ja, ist klar. Der eingebildete Vogel wählt. Das heißt dann wohl, dass mir die Sicherungen durchgebrannt sind«, stammelte Leo und blickte die Taube ungläubig an.

»Sven sagte mir schon, dass isch es mit einem schwierigen Fall zu tun bekomme«, gurrte die Taube und deutete mit dem Flügel eine Bewegung an, als würde sie ihren Hut ein wenig heben, auch wenn sie keinen trug, »doch zuerst möschte isch misch vorstellen. Mein Name ist Babette.«

»Babette. Okay, ich spiele mit und heiße dich willkommen, Babette. Ich heiße Leo«, erwiderte Leo und kam sich dabei doch ein wenig komisch vor.

»Das weiß isch doch schon längst. Wie 'ätte isch sonst wohl zu dir gefunden?«, fragte die Taube, als wäre es eine Selbstverständlichkeit.

»Und wie kann ich dir helfen?«, wollte Leo wissen.

»Oh mon dieu. Das ist doch nischt die Frage, no? Die rischtige Frage ist doch, wie kann isch dir 'elfen«, antwortete Babette und blinzelte Leo freundlich an.

»Okay«, erwiderte er gedehnt, »dann anders. Weshalb bist du hier? Wie kannst du mir helfen?«

»Isch werde dir 'elfen, deine große Liebe zu erobern«, erfolgte die schwungvolle Antwort.

Leo schaute die Taube nur verdutzt an. Damit hatte er nicht gerechnet. Babette verstand sein Schweigen als Nichtverstehen und sah sich zu einer Erklärung verpflichtet.

»Unser gemeinsamer Freund Sven 'at mir bescheid gegeben, dass ein lieber, junger Mann der Liebe verfallen ist. Er weiß, isch kann nischt widerstehen l'Amour auf die Sprünge zu 'elfen. Und wenn er disch mag, mag isch disch auch.«

Gerade als sie den Satz beendet hatte, klopfte es an der Wohnungstür. Leo konnte das Geräusch zunächst nicht zuordnen, da sonst niemand klopfte. Für gewöhnlich war der Ton der Klingel zu hören. Erst beim zweiten Klopfen blickte er irritiert zur Tür und dann fragend zu der Taube auf dem Lampenschirm.

»Es ist unhöflisch nischt zu antworten. Isch würde ja gehen, aber isch werde die Türe nischt öffnen können, n'est-ce pas?«, forderte Babette ihn zum Öffnen auf und spreizte zur Verdeutlichung ihre Flügel.

Beim dritten Klopfen reagierte Leo schließlich. Wie in Trance lief er zur Tür und legte seine Hand auf den Griff.

»Was soll schon kommen? Ich unterhalte mich mit einem Vogel, viel schlimmer kann es doch gar nicht kommen. Ich gebe dem Wahnsinn nach und mache auf«, dachte er sich, drückte die Klinke herunter und zog die Tür mit einem kräftigen Ruck auf.

»Man, hast du nen Zug im Arm. Da erschrickt man ja fast zu tode«, war eine tiefe, brummende Stimme zu hören, doch zu sehen war niemand.

Leo streckte den Kopf in den Hausflur und blickte sich suchend um, doch war vom Sprecher nichts zu entdecken. Gerade als er sich umdrehen und in die Wohnung zurückkehren wollte, blieb sein Blick an etwas zu seinen Füßen hängen. Er senkte den Kopf, um eine bessere Sicht zu haben und sah direkt in ein Paar großer Augen die im Gesicht eines kleinen Tannenbaums saßen. Eine bessere Umschreibung wollte Leo nicht einfallen, obwohl der Baum über keine direkten Gesichtszüge verfügte. Er hatte einen großen Stern an der Spitze, der so schwer war, dass die Spitze umknickte. Der Stern hing dem Bäumchen daher ins Gesicht und der kleine Kerl schob ihn wieder und wieder weg, wie ein Haarsträhne, die stört. Es war ein putziger, wenngleich irritierender Anblick.

»Oh. Und du bist das Anzeichen eines Hirntumors, richtig?«, fragte Leo die kleine Tanne.

»Ich glaube nicht, aber das ist Mal eine lustige Begrüßung«, rief das Bäumchen mit seiner sonoren Stimme und die großen Augen funkelten lustig, »so wurde ich ja noch nie herein gebeten. Sven hat mich informiert, dass du meine Hilfe brauchst. Ich heiße Jonatann.«

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