Sechster Dezember

»Wir haben ganz spezielle Freunde, die Kinder und ich«, erklärte Sven, »aus der alten Heimat. Wir werden sie bitten, dir bei deiner Suche zu helfen. Und dich bitte ich nur um das Eine. Sie sind ein klein wenig anders. Urteile nicht vorschnell und heiße sie willkommen. Sie können manchmal etwas sensibel sein.«

Wieder umspielte ein freundliches Lächeln die Züge des Älteren.

»Okay. Du hast vorhin gesagt, ihr kommt aus Norwegen. Richtig? Und jetzt kommen eure Freunde den ganzen Weg hier her, nur um mir bei einer Suche zu helfen? Also entweder erzählt ihr Märchen, oder es wird teuer, oder illegal. Ich habe aber kaum Geld und an Menschenschmuggel bin ich nicht interessiert. Nur weil ich einen Lieferwagen fahre, heißt das nicht, dass ich alles transportiere«, entgegnete Leo.

»Oh, da brauchst du keine Angst zu haben. Sie machen das gerne, nur weil wir sie darum bitten. Es kostet dich nichts und bei der Einreise gibt es mit Sicherheit keine Probleme«, versprach Sven und hob die Hand zum Schwur.

»In Ordnung«, erwiderte Leo, »angenommen, ich lasse mich darauf ein. Nichts ist umsonst. Was sollte mich das kosten?«

»Eine große und folgenschwere Fehlannahme. Warum sollte es nichts kostenlos geben? Die schönsten Dinge kosten doch nichts. Frische Luft, Wald, das Leben an sich, Gesundheit. Was ist mit all diesen Dingen? Wie bezahlst du denn dafür?«, wollte der alte Norweger wissen.

»Also gut, wenn keine Kosten auf mich zukommen, dann versuchen wir es. Es kann ja maximal versteckte Kamera oder etwas ähnliches sein. Vielleicht wird das ja noch ganz interessant«, nahm Leo den Vorschlag an und die beiden Männer schüttelten ihre Hände.

»Du wirst es nicht bereuen«, erwiderte Sven, zwinkerte Leo zu und im nächsten Moment erwachte Leo in seinem Bett.

»Was für ein seltsamer Traum«, wunderte sich Leo und kratzte sich am Kopf.

Gähnend erhob er sich, machte sich seine Frühstücksflocken zurecht und setzte sich, wie jeden Morgen, vor den Fernseher.

Heute war Sonntag und so konnte er seinen Tag mit süßem Nichtstun verbringen. Er würde von morgens bis abends im Schlafanzug in seiner Wohnung bleiben und einfach entspannen.

Als er sein Geschirr in der Küche abspülte, hörte er ein klopfendes Geräusch, das seine Aufmerksamkeit erregte. Kam es nicht vom Fenster? Aber er wohnte im vierten Stock, wer sollte da in der Lage sein, an sein Fenster zu klopfen? Mit wenigen Schritten stand er im Wohn- und Schlafraum und blickte aus dem Fenster.

Eine Taube saß auf dem Sims und pickte wiederholt gegen den Rahmen. Leo ging zum Fenster und wedelte davor herum.

»Schusch schusch. Flieg weg, kleiner Kerl«, unterstrich er seine Bewegungen.

»Wer ist 'ier klein, Monsieur?«, hörte er da eine Stimme und das Klopfen verstummte.

Die Taube blickte ihm direkt in die Augen und legte den Kopf schräg.

»Hast du gerade etwas gesagt?«, fragte Leo den Vogel ungläubig und starrte ihn an.

»Bien sûr. Wer denn sonst? Isch sehe 'ier niemanden sonst, der sisch unterhalten möschte«, war die Stimme mit dem französischen Akzent wieder zu vernehmen.

Leo öffnete das Fenster und die Kälte schlug ihm entgegen. Die Taube flog herein und machte es sich auf der Stehlampe bequem.

»Drei Möglichkeiten«, überlegte Leo und versuchte die Situation zu erfassen, »erstens, ich bin komplett durchgeknallt und gehöre in Behandlung. Zweitens, das Filmteam von versteckte Kamera gibt sich wahnsinnig Mühe und stürzt sich in Kosten, die es niemals mehr reinholen kann. Und drittens, da sitzt eine sprechende Taube in meiner Wohnung.«

»Isch nehme Numero trois«, antwortete die Taube und plusterte ihr Gefieder.

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