Vierter Dezember
Leo blieb irritiert stehen und sah die Frau an, wie ein Reh, das im Angesicht todbringender Autoscheinwerfer erstarrt war.
»Ja nun?«, forderte sie ihn ungeduldig auf das Paket auszuhändigen.
Leo schüttelte sich kurz und ging dann auf sie zu. Das musste die Mutter sein. Bestimmt war es so. Oder eine Tante oder irgend jemand, mit dem sein Engel hier wohnte.
»Oh Entschuldigung«, sagte er schnell und setzte ein Lächeln auf, »ich dachte, ich würde der gleichen jungen Frau begegnen, die mir gestern die Tür geöffnet hat. Ich hatte noch eine Sache vergessen zu sagen.«
»Welche junge Frau? Hier wohne nur ich. Und gestern war ich nicht zu Hause«, antwortete die Frau barsch.
»Eine junge Frau mit blonden Haaren, etwa so groß«, erklärte Leo und zeigte die ungefähre Höhe mit der Hand an.
»Wenn das ein Scherz sein soll, ist es kein guter«, schnaubte die Frau, »was ist jetzt mit dem Paket?«
»Achso, nein. Ich habe keins. Ich musste ihr nur etwas sagen, aber scheinbar habe ich mich in der Tür geirrt. Bitte entschuldigen Sie. Ich wollte sie nicht stören«, erwiderte Leo verwirrt und niedergeschlagen.
Er war sich sicher, dass es die richtige Tür war. Nur die Frau passte hier nicht hin. Mit einem wütenden Schnauben schlug sie die Tür zu und Leo stand alleine im Treppenhaus.
Irgendetwas konnte nicht stimmen. Doch er kam nicht darauf, was es war. Hatte er sich wirklich in der Tür geirrt? War es die falsche Adresse? Er würde morgen gleich als erstes Jenny in der Zentrale fragen, ob sie noch die Empfängerdaten hatte.
Den Abend über saß er grübelnd und Trübsal blasend auf der Couch, bis es schließlich Zeit wurde ins Bett zu gehen.
»Ja, klar. Ich schaue schnell nach«, sagte Jenny, sehr zu Leos Freude.
Nach kurzer Recherche drehte sie den Bildschirm mit einem triumphierenden TADAA zu Leo und er konnte die Adresse mit eigenen Augen sehen. Er war gestern am richtigen Haus gewesen.
»Ah, okay, danke«, entgegnete er und schenkte der Empfangsdame ein Lächeln.
»So ein unechtes Lächeln bin ich von dir gar nicht gewöhnt«, erwiderte sie und sah ihn besorgt an, »alles in Ordnung?«
»Ja, nein. Doch. Es ist nichts wildes. Ich glaube, der Vorweihnachtsstress setzt mir zu. Das ist alles«, gab er zurück, verabschiedete sich und begab sich auf seine Tour.
Er hing seinen Gedanken nach und so wurde es wieder einmal sehr spät, als er den letzten Empfänger seiner heutigen Liste anfahren konnte. Ein Kiesweg führte durch einen kleinen Vorgarten, der mit englischem Rasen und Nadelbäumen wie aus einem Weihnachtsbuch geschnitten wirkte. Die Reifen seines Wagens erzeugten ein knirschendes Geräusch, während er sich dem eher kleinen Haus näherte. Irgendwie hätte Leo ein größeres, imposanteres Haus erwartet, eine Villa mit marmornen Löwen am Treppenaufgang vielleicht. Doch dieses Häuschen erinnerte ihn eher an die Märchen, die ihm seine Mutter früher vorgelesen hatte.
Mit dem Päckchen unter dem Arm lief Leo die letzten Schritte zu dem kleinen Haus und drückte auf den Klingelknopf.
»Sven Julenissen«, laß er sich den Namen selbst vor.
Der Klang hinterließ ein eigenartiges, aber durchaus schönes Gefühl. Schritte waren im Inneren des Häuschens zu hören, die sich stapfend der Tür näherten, die im nächsten Moment mit beherztem Schwung aufgerissen wurde.
