Dritter Dezember

Leos Gedanken waren unzusammenhängend und er konzentrierte sich nicht im Geringsten auf den Verkehr, während er nach Hause fuhr. Das seelige Lächeln auf seinen Zügen hätte er auch dann nicht verhindern können, wenn er gemusst hätte. Ein einziger Gedanke setzte sich in dem Wirrwarr in seinem Kopf durch.

»Ich habe sie gefunden. Und sie ist noch schöner, als ich sie mir vorgestellt habe.«

Zu Hause betrat er die kleine Wohnung, legte eine Tiefkühlpizza in den Backofen und nutzte die auf der Packung angegebene Zubereitungszeit, um zu duschen. Das heiße Wasser perlte über seinen Kopf und Rücken und langsam kam wieder Wärme in den durchgefrorenen Körper.

»Ich bin ja schon fast wie meine Pizza«, schoss es ihm durch den Kopf und Leo musste unwillkürlich lachen.

Als er es sich gerade vor dem Fernseher gemütlich gemacht hatte und den ersten Bissen seiner Pizza nehmen wollte, erstarrte er mitten in der Bewegung.

»Verdammt«, stieß er hervor, »wie blöd kann man denn sein?«

Das Pizzastück klatschte zurück auf den Teller und Leo starrte missmutig das flimmernde Bild auf der Mattscheibe an.

»Warum hab ich sie nicht angesprochen?«, motzte er vor sich hin und hätte sich am liebsten geohrfeigt, »mich vorgestellt und vor allem nach ihrem Namen gefragt. Ich kann doch unmöglich morgen hin fahren und... Warum eigentlich nicht? Sonst bin ich immer der Brave. Wenn ich das englisch ausspreche, bin ich tapfer, mutig. Die Mutigen und Frechen gewinnen doch immer, warum also nicht?«

Sein Entschluss stand fest. Er würde morgen Nachmittag wieder an der Türe klingeln und seine Traumfrau kennenlernen. Vergnügt und voller Vorfreude vertilgte er seine Pizza und überlegte sich Sprüche, mit denen er besonders cool rüberkommen würde. Er wollte nicht wie ein Spinner wirken, oder gar wie einer, der sowas öfter machte. Aber als schüchterner Postbote würde er sicher auch keine Schnitte machen. Noch beim Grübeln schlief er ein.

Die Schicht am folgenden Tag erledigte er mit noch größerer Freude, als sonst. Er sang Weihnachtslieder mit, die im Radio oder auf der Straße erklangen und lächelte jeden Empfänger an, wenn er ihm »noch einen wundervollen Tag« wünschte.

Schließlich kam der Zeitpunkt der Bewährung. Er parkte den Lieferwagen auf dem gleichen Parkplatz, wie am Vortag, und sprang beherzt auf den Bürgersteig.

»Hey, was stimmt nicht mit ihnen?«, rief die ältere Dame erbost aus und ihr Wintermantel tragendes Hündchen quietschte erschrocken auf.

»Oh, meine Glücksfee. Ich hatte schon gehofft, dass ich sie sehe«, lachte Leo der Frau entgegen und lief eiligen Schrittes an die Haustür der Nummer Siebzehn, »schönen Abend und frohe Weihnachtstage wünsche ich Ihnen.«

Die Frau schüttelte nur wieder den Kopf und ging ihres Weges. Nach kurzer Wartezeit war wieder eine weibliche Stimme zu vernehmen, die durch den Lautsprecher ein leichtes Kratzen aufwies. Irgendwie klang sie heute anders, doch das nahm Leo in seiner Euphorie nichtvwahr. Nach seiner Standardankündigung, er habe ein Paket, wurde er herein gelassen. Mit großen Schritten lief er in den zweiten Stock und langte gerade an der Tür an, die er gestern beliefert hatte, als diese aufgezogen wurde.

Doch anstelle des blonden, jungen Engels, in den er sich Hals über Kopf verliebt hatte, stand eine Frau mittleren Alters im Blaumann da und sah ihn auffordernd an.

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