Vierundzwanzigster Dezember
Der Sonntag kam rasch näher. Leos Einschätzung nach verging die Zeit viel zu schnell, wenngleich er kaum den Moment abwarten konnte, in dem er seiner Traumfrau begegnen sollte.
Schließlich saß er Samstagabend an seinem Tisch, aß von seinen selbstgebackenen Plätzchen und hörte mit halbem Ohr den gut gemeinten Ratschlägen seiner Freunde zu.
»Leo, was ist los? Du hast seit mindestens einer Stunde nichts mehr gesagt«, wunderte sich Jonatann.
»Hm? Was? Oh entschuldigt bitte«, erwiderte er und schüttelte die Lethargie ab, »ich bin in Gedanken nur schon bei morgen. Was ist, wenn sie mich nicht mag, oder mich vielleicht ganz nett findet, ich sie mit meinem Erscheinungsbild aber vergraule?«, fragte er und zeigte mit weit ausholender Geste auf den Pullover mit Norwegermuster.
»Pas de souci. Das wird nischt passieren«, beruhigte ihn Babette zum wiederholten Male, »isch glaube es ist unmöglisch, disch nischt zu mögen.«
»Na, wenn du das sagst«, gab der junge Mann kleinlaut bei und widmete sich wieder seinen Fantasien, die mal besser, mal schlechter für ihn ausgingen.
Sonntagnachmittag fuhr Leo frühzeitig los. Kein Stau und keine unvorhersehbaren Dinge sollten zwischen ihn und seine Verabredung kommen.
Babette und Jonatann bestanden darauf, ihn zu begleiten und so fuhr er die ruhigen Straßen entlang und hörte den beiden dabei zu, wie sie Weihnachtslieder im Radio mitsangen. Nach kurzer Zeit hatte ihn die gute Laune angesteckt und er stieg in den Gesang mit ein. Leo merkte gar nicht, wie die Anspannung von ihm abfiel.
Bereits um 15.30 Uhr saß er an einem hübsch gedeckten Tisch in einer ruhigen Ecke des Café am Tierpark und wartete auf das Erscheinen der Frau, die ihn so durcheinander brachte. Glücklicherweise war es ein sehr ruhiger Tag und außer ihm waren kaum andere Gäste im Café.
Pünktlich um 16.00 Uhr kündigte das leise Klingeln der Messingglöckchen über der Eingangstür das Eintreffen eines neuen Gastes an.
Leo stockte der Atem, als er sie sah. Sie betrat den Raum und das Licht schien sich für einen Moment um die schlanke Gestalt zu legen und sie zum Strahlen zu bringen. Für ihn war sie das wundervollste und schönste Geschöpf, das er je gesehen hatte. Auch wenn sie nicht mehr blond, sondern brünett war, was ihr schmales Gesicht mit den großen, leuchtenden Augen hervorhob. Doch plötzlich stutzte Leo, denn er erkannte die junge Frau, die da zielstrebig auf ihn zu kam. An seinem Tisch angekommen, legte sie eine Hand auf die Lehne des freien Stuhls.
»Hallo Leo, schön dich zu sehen«, begrüßte sie ihn und Leo sprang auf.
Die von der Aufregung feuchten Hände wischte er schnell an seiner Hose ab.
»Jenny, was machst du denn hier?«, stieß er hervor und blickte sie ungläubig an.
Sie war immer so adrett und professionell geschminkt, dass er sie hier, so ganz ohne Schminke und mit einem Strickkleid bekleidet, kaum erkannt hatte.
»Du siehst umwerfend aus«, brachte er hervor und schaute Jenny weiter an.
Ihr Anblick raubte ihm fast den Atem. Doch dann spürte er plötzlich eine unheimliche Unsicherheit in sich aufsteigen.
»Ähm. Ich freue mich dich so... äh, ich meine hier zu sehen. Aber ich bin hier verabredet, weißt du?«, stammelte er und schaute die junge Frau entschuldigend an.
»Ich weiß, das bin ich auch«, grinste Jenny ihn an, »mit dir.«
»Was? Wie?«, stammelte Leo, doch dann traf ihn die Erkenntnis, »Geneviève. Jennifer. Jenny. Das warst du? Die ganze Zeit?«
»Babette hat mich eingeweiht. Nicht nur dir wird ein Herzenswunsch erfüllt, Leo«, lächelte sie und endlich fiel die Anspannung von Leo ab.
Er zog ihr den Stuhl zurück und bat ihr den Platz an, setzte sich ihr gegenüber und drehte sich noch einmal zu der Taube um, die hinter ihm Platz genommen hatte.
»Warum hast du nichts gesagt?«, fragte er.
»Dann wäre doch von vorneherein alles umsonst gewesen, n'est-ce pas?«, entgegnete sie und lächelte wissend.
»Moment. Heißt das, die blonde Frau...«, begann Leo, konnte aber nicht weiter sprechen.
»Mais oui. Das war isch. Und du bist darauf eingegangen. Vielleischt wird das die beste Entscheidung deines Lebens gewesen sein«, gurrte Babette und zwinkerte über seine Schulter hinweg Jenny zu.
Leo folgte ihrem Blick und sah in die fröhlichen Augen der jungen Frau.
»Da könnte sie recht haben«, lächelte Jenny ihn selbstbewusst an.
»Aber warum konnte mich keiner einweihen?«, wollte Jeo wissen und blickte abermals zu seinen ungewöhnlichen Freunden.
»Mon Dieu. Wo wären der Spaß und der Zauber geblieben?«, grinste ihn die Taube frech an.
Leo grinste mit und wandte sich der Frau seiner Träume zu, die schon so lange ein Teil seines Lebens war und nun zum Mittelpunkt dessen wurde.
