Zweiundzwanzigster Dezember
In dieser Nacht schlief Leo wie ein Baby. Sein Entschluss hatte ihn zunächst unsagbar traurig gemacht und er wurde sehr unruhig. Doch nach und nach akzeptierte er sein selbst gewähltes Schicksal und wurde ruhig und unsagbar müde. Während er in tiefem Schlummer in seinem Bett lag, unterhielten sich die Taube und das Bäumchen in leisem Ton miteinander.
»Hör zu, Babette. Wir müssen etwas unternehmen. Ich kenne nur eine Person, die bei diesem schweren Fall helfen kann«, wandte sich Jonatann im Flüsterton an die Vogeldame.
»So so. Was ist aus misch gibt es nur in einer Lautstärke geworden?«, bemerkte sie, ebenfalls flüsternd, und lachte leise.
»Wenn es wichtig ist, kann ich das schon. Es ist nur so anstrengend«, erklärte die kleine Tanne und schob sich wieder einmal den Stern aus dem Gesicht.
»D'accord, alles in Ordnung«, entgegnete sie und plusterte ihr Gefieder, »isch werde misch auf den Weg machen. Mal sehen, was isch erreischen kann.«
»Wärst du ein Spatz, wärst du ein Schatz. Doch bist du eine Taube, und daher 'ne Sahnehaube«, grinste Jonatann frech und fuhr dann ernster fort, »Spaß beiseite. Du bist die Beste. Das weißt du hoffentlich.«
»Vielen Dank, mon ami. Isch werde mir die größte Mühe geben und misch beeilen«, erwiderte Babette und grinste ihn an, so gut das mit einem Schnabel geht.
So flog sie in die Nacht hinaus. Jonatann wünschte ihr alles Glück und betete für ihren Erfolg.
»Wo ist denn Babette?«, fragte Leo am Morgen, als er das Frühstück auftragen wollte
»Sie hatte noch etwas zu tun. Wollte jemanden besuchen«, hielt Jonatann seine Antwort vage.
»Hoffentlich kommt sie bald zurück. Draußen ist ein Sauwetter sonder gleichen. Dieser Regen muss eisig sein«, gab Leo zu bedenken und schaute aus dem Fenster.
Bis nachmittags hatten sie nichts mehr von ihr gehört und Leo begann sich ernsthaft Sorgen zu machen. Er zog sich warme Kleidung an und zog die Tür auf, um sich auf die Suche nach der Taube zu begeben. Da stand ein älterer Mann mit zum Anklopfen erhobener Hand vor der Türe und grinste ihn an.
»Leo, zu dir wollte ich«, rief er erfreut aus.
»Sven? Was treibt dich denn hier her. Noch dazu bei dieser Witterung«, antwortete der junge Mann und trat einen Schritt zur Seite, »komm doch herein.«
Mit einer einladenden Geste gab er dem Besucher ein Zeichen einzutreten.
»Gerne, habe aber nicht viel Zeit«, erwiderte Sven und betrat die Wohnung.
Aus seiner Manteltasche holte er vorsichtig Babette heraus, die mit wenigen Flügelschlägen auf der Stehlampe Platz nahm.
»Du hast es geschafft«, quiekte Jonatann erfreut auf und schüttelte sich raschelnd.
»Bien sûr, was 'ast du denn erwartet?«, gab die Taube zurück und zwinkerte dem Bäumchen zu.
»Jetzt wird alles gut, das weiß ich«, raunte Jonatann und legte seine gesamte Konzentration auf die Szene, die sich vor ihm darbot.
»Leo, lieber Leo«, begann Sven und sah den jungen Mann freundlich, aber bestimmt an, »was denkst du dir denn? Dein größter Wunsch soll in Erfüllung gehen und du willst dieses Wunder nicht annehmen?«
»Es fühlt sich nicht richtig an, eher so, als würde ich nur an mich denken. Außerdem würde ich die beiden vermissen«, gab er aufrichtig zu und nickte in Richtung seiner Freunde.
»Du bist ein herzensguter Mensch, Leo. Darum habe ich mir etwas ganz besonderes für dich überlegt«, erwiderte Sven und zwinkerte dem jungen Mann zu.
