Einundzwanzigster Dezember

»Jennifer. Schreibt sie das so, weil sie denkt, ich könnte mit Geneviève nichts anfangen? Was meinst du, Babette?«, überlegte er, nachdem er den Brief zum vierzehnten Mal gelesen hatte.

»Isch weiß nischt. Vielleischt musste sie ihren Namen anpassen, als sie eingewandert ist«, erwiderte die Taube und widmete sich wieder einmal der Pflege ihres Federkleides.

»Hm. Möglich. Oder sie hat die Erfahrung gemacht, dass keiner mit der französischen Schreibweise umgehen kann und ist dazu übergegangen, sich auf deutsch zu schreiben. Jedenfalls, danke! Danke dir Babette und auch dir Jonatann. Ohne euch wäre das nicht möglich gewesen«, entgegnete er überschwänglich und hielt Genevièves Brief fest in der Hand.

»Du brauchst dich doch nicht bedanken«, erwiderte das Bäumchen und winkte lässig ab, »deswegen sind wir doch zu dir gekommen. Unser Auftrag ist so gut wie erledigt, würde ich sagen.«

»Oui, du sagst es. Schade eigentlich, bei so einem sympathischen Jungen«, gurrte Babette und klang ein wenig schwermütig.

»Was meint ihr damit?«, wollte Leo verunsichert wissen, »wieso ist es schade, wenn alles klappt?«

Er war sich nicht sicher, ob die beiden ihm ein glückliches Leben mit der Frau seiner Träume nicht gönnten, oder ob etwas anderes der Grund für die traurige Stimmung war. Das Erste konnte er sich bei diesen beiden offenherzigen Wesen einfach nicht vorstellen, doch hatte er auch keine Ahnung, was es sonst sein könnte.

»Wir wurden gerufen, damit dein größter Herzenswunsch in Erfüllung geht. Das ist der wahre Geist der Weihnacht. Was denkst du passiert, wenn dein Wunsch erfüllt wird?«, gab Jonatann zu bedenken.

»Du meinst, ihr geht dann weg? Ihr verschwindet genau so schnell aus meinem Leben, wie ihr aufgetaucht seid?«, wollte Leo wissen und spürte, wie sich eine große Trauer in ihm ausbreitete.

Auch wenn er die beiden ungewöhnlichen Geschöpfe erst kurze Zeit kannte, waren sie ihm bereits ans Herz gewachsen. Er wollte nicht, dass sie wieder gingen.

»Que Sera, sera. Aber mach dir keine Sorgen, du wirst uns vergessen, so als wären wir nie 'ier gewesen«, wollte Babette ihn beruhigen, erzielte aber die exakt gegenteilige Wirkung.

»Das werde ich sicher nicht«, begehrte Leo auf und stemmte die Hände in die Hüften, »ihr seid meine Freunde. Da werde ich euch sicher nicht zur Erfüllung meines Wunsches ausnutzen und danach wegwerfen.«

»So 'at das noch niemand gesehen, dem wir geholfen 'aben«, gurrte die Taube und blickte ihn liebevoll an, »du steckst voller Überraschungen.«

»Ein echter Freund eben«, befand auch Jonatann und spielte an der roten Christbaumkugel.

»Wenn es nun Mal nicht anders geht, dann werde ich wohl eine junge, wunderschöne Französin namens Geneviève enttäuschen müssen. Denn wenn mein größter Herzenswunsch nicht erfüllt wird, werdet ihr nicht verschwunden. Dann können wir Freunde bleiben«, erklärte Leo sein Vorhaben in ruhigem, sachlichem Ton.

»Das kannst du nicht machen!«, rief Jonatann, »das würde dich ins Unglück stürzen.«

»Das ist mir egal. Wenn es denn nun Mal so sein soll, soll es eben so sein. Wie Babette schon sagte, que sera, sera«, beendete Leo die Diskussion, bevor sie richtig aufkommen konnte.

Babette und Jonatann wechselten einen beunruhigten Blick.

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