Zwanzigster Dezember
»Okay, hört zu«, begann Leo und laß seinen Freunden den Brief vor,»
Lieber Leo,
vielen Dank für deine offenen Worte. Du bist der erste Mensch, der meinen Namen so schreibt, das finde ich irgendwie süß. Es kommt in der Tat eher selten vor, dass ich einen Brief erhalte, und noch seltener wird mir dieser von einer Taube überbracht. Aber dieses liebe Geschöpf mit seinen freundlichen Augen hat mich davon überzeugt, dass ich den Brief genau lesen und dem Schreiber eine Chance geben sollte, sich zu erklären.
Es gehört eine gehörige Portion Mut dazu, sich an einen wildfremden Menschen zu wenden und ich finde es beeindruckend, dass du das scheinbar mühelos hinbekommen hast. Das zeigt auch, wieviel dir an deinem Brief und dem Kontakt liegt.
Um dich nicht auf die lange Folter zu spannen, möchte ich mich kurz halten. Doch das eine möchte ich vorher noch schreiben. Ich bin weder verrückt noch an einer schnellen Nummer interessiert. Sollte ich deinen Brief falsch verstanden haben und du denkst an ein paar Dates und ein paar gemeinsame Nächte, dann sage mir bitte rechtzeitig Bescheid. Ich denke, deine Taube wird den Weg auch ein zweites Mal finden.
Sofern ich deinen Brief richtig verstanden habe, möchte ich mich gerne auf deinen Vorschlag einlassen. Da ich aber kein Mensch bin, der sich Fantasien hingibt und sich Figuren ausdenken kann, würde ich mich freuen, wenn wir uns auf einen Kaffee treffen könnten, um uns kennen zu lernen. Am Sonntagnachmittag hätte ich Zeit. Wenn ich nichts mehr von dir höre oder lese, werde ich um 16.00 Uhr im Café am Tierpark auf dich warten.
Ich freue mich darauf, dich persönlich kennen zu lernen.
Liebe Grüße
Jennifer«
Leo verstummte, ließ den Brief sinken und starrte gedankenverloren geradeaus.
»Aber das ist doch toll!«, rief Jonatann und drehte sich in einem Freudentanz in seinem Übertopf, »du hast am Sonntag ein Date mit deiner Angebeteten.«
Leo starrte immer noch geradeaus und reagiert nicht.
»Das ist fantastique«, befand auch Babette und gurrte zufrieden, »sie ist interessiert. Leo, das ist ein Grund zur Freude, nischt für Trübsal.«
»Ja... ja«, stotterte der junge Mann und kam langsam wieder zu sich, »ihr habt recht. Das ist fantastisch, großartig. Ich werde sie treffen. Ich werde sie kennenlernen.«
Die pure Glückseligkeit breitete sich auf sienen Zügen aus und er grinste seine beiden Freunde überglücklich an.
»Das habe ich euch zu verdanken. Ihr seid die besten«, rief er und stürzte nach vorne, um das Bäumchen und die Taube in seine Arme zu schließen.
»Sachte, sachte, mein Guter«, rief Jonatann und zappelte lachend in seiner Umarmung.
»Mon dieu, Leo. Isch bin eine Dame, bitte wahre Contenance«, gurrte auch Babette, doch freute sie sich mindestens genauso sehr wie Leo.
»Jetzt wird es ernst. Wir haben noch drei Tage Zeit. Bis dahin werden wir dich fein machen. Die richtige Kleidung hast du ja schon«, grinste das Bäumchen zufrieden mit sich und der Welt.
»Jetzt heißt es abwarten und Tee trinken, oder?«, erwiderte Leo und rieb die Hände an seiner Hose.
Er war so aufgeregt, er wäre am liebsten sofort losgelaufen, um sich in das Café zu setzen und dort auf die Frau seiner Träume zu warten.
