Zweiter Dezember
Nach etwas mehr als einer Stunde kam Leo endlich an der auf dem Paket angegebenen Adresse an. Unter gewöhnlichen Umständen dauerte die Fahrt lediglich fünfzehn bis zwanzig Minuten, doch kam er unterwegs von einem Stau in den nächsten.
»18.45 Uhr. Eine super Uhrzeit für Lieferungen. Nicht, dass da irgendwer beim Abendessen sitzen würde oder sonst wie abschalten wollte. Mal sehen«, sprach Leo mit sich selbst und kramte das Paket hervor, »Jacques Artisan. Alles klar, die Franzosen sind meistens entspannter.«
Mit einem beherzten Sprung stand er auf dem Bürgersteig.
»He, passen Sie doch auf. Haben Sie keine Augen im Kopf?«, schimpfte eine ältere Dame, die mit ihrem winzigen Hund gerade den Lieferwagen passieren wollte.
Der Hund hatte kaum Fell und trug einen dicken Mantel.
»Entschuldigung«, entgegnete Leo und deutete eine Verbeugung an.
Die Dame blickte mürrisch drein, entschied sich aber doch dafür weiterzulaufen, statt mit dem jungen Mann zu schimpfe. Leo lief zu dem Haus mit der Nummer Siebzehn und untersuchte die Klingelschilder.
»Ach man. Das ist doch jetzt nicht wahr«, schimpfte er, nachdem er den Namen des Empfängers nicht ausfindig machen konnte.
Zwei Klingelschilder wiesen Namen auf, die zumindest im Ansatz hin kamen. Auf dem einen Stand J. Leclerc und auf dem anderen G.A. & J. M.
Kurzerhand entschied Leo, dass Leclerc unbedingt französischen Ursprungs und der passende Anfangsbuchstabe ein eindeutiges Indiz dafür war, dass er den richtigen Haushalt ausfindig gemacht hatte. So drückte er schwungvoll auf den entsprechend beschilderten Knopf. Ein Summen ertönte, sonst geschah nichts. Er drückte den Knopf erneut, doch außer dem Summen war nichts zu hören.
»Na gut, G.A. und J. M. Macht euch bereit eine Lieferung für die Nachbarn anzunehmen«, grinste Leo und drückte den entsprechenden Knopf.
Wieder hörte er das Summen und nach wenigen Augenblicken erklang eine, durch den Lautsprecher verzerrte, weibliche Stimme.
»'allo?«
»Hallo. Ich habe eine Lieferung für Jacques Artisan«, erklärte Leo sich.
»Kommen Sie bitte in den zweiten Stock. Isch bin ein wenig unpässlich«, vernahm er die Antwort, gefolgt vom Summen des Türöffners.
Leo stieß die Türe auf und betrat das Treppenhaus. Normalerweise war es nicht seine Pflicht, die Lieferungen an die Wohnungstür zu bringen, doch klang die Frau freundlich und er wollte sie nicht in Unannehmlichkeiten bringen. Es war ja auch schon Recht spät für eine Zustellung.
Als er im zweiten Stock ankam, öffnete sich eine der Wohnungstüren und eine bildschöne junge Frau erschien im Türrahmen. Leo stockte bei ihrem Anblick der Atem. Sie sah exakt so aus, wie die Frau seiner Träume.
Ein mit langem, seidigem, blonden Haar, umrahmtes, schmales Gesicht und helle, grüne Augen blickten ihm entgegen. Die Frau musterte ihn mit einer Mischung aus Neugier und Belustigung. Leo betrachtete ihre volle, sinnlichen Lippen, die schmale Statur, mit perfekten Kurven, die lediglich von einem hastig übergeworfenen Morgenmantel verdeckt wurden.
Er ging wie in Trance auf die Schönheit zu und hielt ihr das Paket entgegen.
»Vielen Dank. Jacques wird sisch freuen. Er 'at schon gesagt, dass er vielleischt nischt zu 'ause sein wird, wenn es kommt«, plauderte sie mit verführerischem, französischem Akzent und hob das Paket zur Verdeutlichung hoch.
»Super. Das freut mich«, brachte Leo mühsam hervor, denn sein Hirn war hatte sich beim Anblick des blonden Engels abgeschaltet.
»Schöne Weihnachten«, entgegnete seine Traumfrau und verschwand in ihrer Wohnung.
Mit einem leisen Klicken schloss sich die Tür.
