Neunzehnter Dezember

Spät in der Nacht, als Leo bereits tief und fest schlief, klopfte es an das Fenster. Jonatann stieg auf das Fenstersims und schaute in die Nacht hinaus. Als er Babettes Kopf aus der Dunkelheit auftauchen sah, hüpfte er vor Freude und winkte ihr fröhlich zu. Die Taube pickte erneut mit dem Schnabel gegen die Scheibe und das dumpfe Klopfen ertönte erneut. Sie sah nicht erfreut aus, dass das Bäumchen sie draußen warten ließ. Jonatann öffnete das Fenster und ließ die Taube und mit ihr einen Schwall eiskalter Luft herein.

»Brrr. Ist das eine Kälte da draußen. Da gefrieren einem ja die Nadelspitzen«, klapperte Jonatann mit den Zähnen und schloss das Fenster rasch wieder.

»Wem erzählst du das? Isch musste eine Extrarunde in dieser eisigen Luft drehen. Dabei ist es so kalt, dass man nischt einmal einen 'und vor die Tür jagen möschte«, entgegnete Babette in vorwurfsvollem Ton.

»Aber wir haben doch gar keinen Hund, oder? Und ich würde ihn auch nicht nach draußen jagen. Das wäre doch gemein«, fragte das Bäumchen irritiert.

»Mon dieu. Das ist doch eine Redensart. Warum 'ast du mir nischt sofort geöffnet?«, wollte die Vogeldame wissen und schüttelte zuerst den Kopf und plusterte sich dann mit einem wohligen Gurren, »egal. Warscheinlisch warst du wieder einmal zu erfreut, um reagieren zu können, n'est-ce pas? Jedenfalls bin isch froh, wieder in der Wärme zu sein.«

»Und, warst du denn erfolgreich?«, wollte Jonatann wissen und blickte die Taube neugierig an.

»Bein sûr. Was denkst du denn? Isch 'abe die Nachrischt überbracht und Geneviève 'at mir einen Antwortbrief mitgegeben. Deswegen 'at es auch so lange gedauert«, erzählte die Taube und schüttelte die Flügel aus.

»Das wird Leo aber gefallen«, strahlte das Bäumchen seine Freundin an.

»Was wird Leo gefallen?«, hörten sie die verschlafene Stimme des jungen Mannes, der gerade die Küche betreten hatte.

»'at er disch mit seinem 'erumgebrülle geweckt? Isch sage ihm immer wieder, er soll nischt so laut sein«, sagte Babette in tadelndem Ton und blickte Jonatann streng an.

»Es tut mir leid, aber mich gibt es nur in einer Lautstärke«, verteidigte er sich.

»Kein Problem, das weiß ich doch«, ging Leo dazwischen, um den Streit gar nicht erst aufkommen zu lassen, »also, was wird mir gefallen?«

»Isch 'abe ihre Antwort dabei«, erwiderte Babette und eine plötzliche Stille trat ein.

Leo sah sie nur gebannt an, reagierte aber sonst nicht. Jonatann und Babette tauschten Blicke und sahen Leo besorgt an.

»Alles in Ordnung, Leo?«, durchbrach die tiefe Stimme Jonatanns die Stille.

»Ja«, entgegnete er, »ja, klar.«

»Aber?«, hakte das Bäumchen nach.

»Das ist gerade nur ein bisschen viel für mich«, gab Leo zurück und rieb sich die Augen, »also, eine Antwort. Ja? Ich hab irgendwie Angst davor, wisst ihr?«

»Ah, mon dieu. Du bist nervös«, befand Babette fachmännisch und streichelte mit ihrem Flügel über Leos Handrücken, »keine Sorge, mon ami. Egal, was in dem Brief steht, es bringt disch voran.«

Damit hielt sie ihr Bein vorgestreckt, an dem der Brief fein säuberlich zusammengerollt befestigt war.

Leo öffnete den Knoten und nahm den Brief an sich. Aufgeregt nestelte er an dem Papier herum.

»Dann wollen wir mal, oder?«, fragte er in die Runde und begann vorzulesen.

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