Achzehnter Dezember
Unzählige Stunden verbrachten Leo und Jonatann damit Kekse, Kipfel und Plätzchen zu backen. Jonatann spürte, wie müde sein Freund eigentlich war, doch verstand er auch, dass dieser zu unruhig und aufgekratzt zum Schlafen gewesen wäre. Und so bot das Bäumchen ihm die willkommene Abwechslung beim Backen und Erzählen.
»Ich mag ja die kleinen Baumplätzchen am liebsten«, erklärte Jonatann und besah sich die Ausbeute an gebackenen Leckereien.
»Ich dachte, du brauchst keine Nahrung? Oder sieht das bei Plätzchen anders aus?« bemerkte Leo und grinste die kleine Tanne frech an.
»Wer kann bei leckeren Weihnachtsplätzchen schon nein sagen? Außerdem geht es ja in erster Linie um die Form, die einer Tanne nachempfunden ist. Die gefällt mir außerordentlich gut«, lachte Jonatann und schon verschwand ein Keks zwischen seinen Zweigen.
Leo mochte den kleinen Kerl und seine fröhliche Art. Es war leicht in der Gegenwart des Bäumchens gute Laune und eine optimistische Sicht auf die Dinge zu haben. Unwillkürlich lächelte er den außergewöhnlichen kleinen Kerl an.
»Meinst du Babette geht es gut? Heute hat der Wind ziemlich zugelegt und es ist ziemlich frisch draußen«, fragte Leo plötzlich und blickte nachdenklich aus dem Fenster.
»Mehr als das. Sie hat es geschafft, ihr geht es gut und sie hat den Brief mit Sicherheit schon überbracht«, wusste sein Freund ihn wieder einmal zu beruhigen.
»Ich hoffe es. Nicht nur wegen des Briefes, der zugestellt werden sollte. Ich mag Babette, weißt du? Sie ist streng und ein bisschen schräg, aber man muss sie einfach gern haben«, erzählte der junge Mann und holte ein weiteres Blech aus dem Ofen.
Die Plätzchen dampften und verströmten einen verführerischen Duft im Raum.
»Das sehe ich genauso. Obwohl unsere erste Begegnung weniger erfreulich war, als eure«, erzählte Jonatann und begann die Kekse mit Schokoladenguss zu bestreichen.
Er benutzte dazu einen seiner Äste wie einen Pinsel und schleckte anschließend die übrige Schokolade ab.
»Was ist passiert? Mochtet ihr euch nicht?«, wollte Leo wissen und freute sich über die neuerliche Ablenkung.
»Naja, das würde ich so nicht sagen. Ich denke wir sind beide umgängliche Typen«, erwiderte das Bäumchen im Plauderton, »es war nur so, dass Babette noch eine unerfahrene, junge Taube war. Sie kam völlig erschöpft und entkräftet bei Svens Haus an. Ich durfte dort das erste Mal den Advent und sogar Weihnachten auf dem Kaminsims verbringen. Das war eine tolle Zeit.«
Kurzzeitig verstummte die kleine Tanne und schwelgte in Erinnerungen.
»Und was ist zwischen dir und Babette dann geschehen?«, brachte Leo das Gespräch wieder in Gang.
»Ach ja. Das war was«, grinste Jonatann und schüttelte lachend den Kopf, »sie war derart entkräftet, dass sie eine herzhafte Mahlzeit brauchte. In der Zeit, die sie auf das Essen wartete, kam sie zu mir auf den Kaminsims geflogen, um sich aufzuwärmen. Ich habe mich freundlich vorgestellt und sie eingeladen, sich in meinen Ästen niederzulassen. Das hat sie auch dankend angenommen. Kurz nachdem sie Platz genommen hatte, ist es dann auch passiert. Ich spürte ein unangenehmes Gefühl und hatte mit einem weißen, klebrigen Klecks zu kämpfen, der langsam durch meine Nadeln sickerte.«
»Das heißt, sie hat dir auf den Kopf gemacht?«, stieß Leo hervor und begann zu lachen.
»Heute finde ich das auch lustig, damals nicht so«, stimmte das Bäumchen in das Lachen ein.
