Sechzehnter Dezember
Als er mit seiner Tasse dampfenden Tees zurück kam, hielt er etwas rotes in der freien Hand.
»Ich dachte mir, das könnte dir vielleicht gefallen«, sagte er und hielt Jonatann den Gegenstand entgegen.
Es handelte sich um eine rote, glänzende Christbaumkugel, die Leo aus seiner Dekoration am Küchenfenster genommen hatte.
»Ui, hübsch«, befand Jonatann und betrachtete die Kugel eingehend.
»Sie gehört dir«, erklärte Leo und machte Anstalten, sie dem Bäumchen an einen Ast zu hängen.
»Aber das kann ich doch nicht annehmen«, verweigerte er das Geschenk.
»Warum denn nicht?«, wollte Leo wissen.
»Weil er es ist, der Geschenke verteilt. Unter seinen Zweigen stehen sie am 'eiligen Abend. So ist er es gewohnt«, ergriff Babette das Wort, »wenn du misch fragst, ist das eine völlig unnötige Tradition, an der er da fest 'ält. Aber misch fragt ja wieder mal keiner.«
»Das ist überhaupt nicht unnötig. Ein Weihnachtsbaum, der Geschenke erhält? Wo kämen wir denn da hin?«, empörte sich Jonatann und Leo erlebte ihn zum ersten Mal aufgebracht.
»Aber ist es nicht üblich den Weihnachtsbaum zu schmücken?«, wollte er von dem Bäumchen wissen.
»Naja, das schon. Aber als Geschenk?«, antwortete Jonatann sichtlich verunsichert.
»Mon dieu. Nun nimm schon die Kugel an. Sie wird dir stehen und es gefällt dir. Das sehe isch in deinen Augen«, gurrte Babette und plusterte ihr Gefieder.
Jonatann strich mit seinen Nadeln über das Glas der Christbaumkugel und atmete ehrfürchtig aus.
»Meinst du, ich kann?«, fragte er und behielt dabei die Augen auf die Schmuckkugel gerichtet.
»Klar, wieso nicht?«, erwiderte Leo und hielt ihm die rote Glaskugel etwas näher, »ich glaube auch, dass dir das Rot stehen wird.«
Jonatann ließ es zu und Leo hängte ihm die Kugel an einen Ast. Die Kugel hüpfte zwei Mal leicht auf und ab und hing dann sanft wippend an Jonatanns Bauch.
»Wow, ist das hübsch«, flüsterte er andächtig und blickte Leo aus feuchten Augen an, »Danke, Leo.«
»Nichts zu danken. Du siehst toll aus«, entgegnete dieser und Babette gurrte zustimmend.
»Du bist echt ein netter Kerl. Warum zweifelst du daran, dass Geneviève Gefallen an dir finden wird?«, grinste das Bäumchen den jungen Mann an.
»Das ist eben so, bei uns Menschen. Bei mir. Na, du weißt doch«, wich dieser aus und strich sich durch die Haare.
»Isch glaube, jetzt ist der ideale Zeitpunkt, dass isch misch auf die Reise begebe. Befestige doch bitte deinen Brief an meinem Fuß, Leo«, sagte Babette und erhob sich.
»Du meinst unseren Brief«, schmunzelte Leo und tat, wie ihm geheißen.
Als er den Brief am Fuß der Taube festgebunden hatte, entließ Leo Babette in die Kälte der Winternacht und schickte ein Stoßgebet hinterher, dass sie sicher ankommen und der Brief auf Interesse stoßen würde. Er hoffte so sehr auf eine positive Antwort, nichts wünschte er sich sehnlicher, als dass er seinem blonden Engel bald gegenüberstehen würde und mit ihr sprechen könnte.
»Und was fangen wir zwei Hübschen mit diesem Abend noch an?«, hörte er da die fröhliche Stimme Jonatanns hinter sich rufen.
Leo schloss das Fenster und kam an den Tisch zurück.
»Plätzchen backen?«, schlug er vor.
»Oh ja, gern. ich finde, der Teig klebt immer so lustig zwischen den Nadeln«, grinste das Bäumchen und Leo holte seine Rezeptesammlung hervor.
