Fünfzehnter Dezember

Leo musste den Brief noch ganze sieben Mal neu schreiben, bis er ihn zur Zufriedenheit der Taube verfasst hatte. Sie war sehr streng und ließ nicht den geringsten Fehler durchgehen, handelte es sich auch nur um Ä-Pünktchen, die nicht hingehörten, einen schnodderigen Buchstaben oder eine verwischte Stelle. Somit konnte Leo den Inhalt des Briefes mittlerweile auch auswendig, was er seinen Freunden mitteilte.

»Na, das ist doch super praktisch, oder nicht?«, rief Jonatann erfreut aus, »so kannst du dich an jedes Wort erinnern, wenn du deiner Geneviève gegenüber stehst.«

»D'accord, so ist es. Und so wirst du ruhiger bleiben, wenn du sie das erste Mal triffst«, fand auch Babette Gefallen an diesem Gedankengang.

»Ihr seid euch ja ziemlich sicher, dass ich mit dem Brief ihr Herz im Sturm erobern werde«, meinte Leo unsicher und knirschte mit den Zähnen.

»Aber ist das nicht das A und O? Glaube an dich und an das was du tust, dann wird es ein Erfolg«, erklärte Jonatann und reckte den Kopf stolz in die Höhe, »so lebe ich schon mein ganzes Leben lang und bin immer gut damit gefahren.«

»Isch würde sagen, du wirst sie nischt mit diesem Brief erobern«, warf Babette ein, die wie immer die Stimme der Vernunft war, »aber du wirst ihr Interesse wecken. Sie wird sisch für den Kontakt entscheiden und so könnt ihr langsam eine Beziehung zueinander aufbauen. Ob es die große Liebe wird oder nischt, liegt dann ganz alleine bei eusch beiden.«

»Siehst du? Und wir werden das schon hinbekommen«, freute sich Jonatann.

»Nischt ihr beiden, wie du und Leo! Die beiden, wie Geneviève und Leo!«, rief die Taube entnervt und warf die Flügel über den Kopf.

»Achso«, gab das Bäumchen klein bei.

»Weißt du Leo, eine Beziehung will aufgebaut und gepflegt sein. Da benötigst du Zeit. Im Sturm erobert 'eißt, im Sturm verloren. Geduldig kultiviert 'eißt ein gemeinsames Leben miteinander zu 'aben«, gurrte die Taube und schaute verträumt aus dem Fenster.

»Alles klar, wann kannst du die Nachricht überbringen?«, fragte der junge Mann ungeduldig und Babette sah ihn streng an.

»Was an geduldig kultivieren 'ast du nischt verstanden?«, tadelte sie ihn und er kam sich sofort vor, wie ein kleiner Schuljunge.

»Entschuldige bitte«, gab er zurück und blickte verlegen zu Jonatann, »es fällt mir einfach schwer zu warten. Ich möchte wissen, wie sie auf unseren Brief reagiert.«

»Kommt Zeit kommt Rat. Habe nur Geduld, Babette wird den Brief schon noch rechtzeitig zu Geneviève bringen«, heiterte Jonatann seinen Freund auf.

»In Ordnung. Ich werde es versuchen«, versprach Leo und ging in die Küche um sich einen Tee zu machen.

Babette brachte er eine Schüssel Wasser und eine große Auswahl an Saaten und Kernen mit. Als er Jonatann mit der kleinen Gießkanne näherkommen wollte, schüttelte dieser den Kopf und hielt die Äste vor sich gestreckt.

»Nicht nötig, da bekomme ich nur nasse Füße. Und das mag ich nicht wirklich, weißt du?«, wehrte das Bäumchen ab.

»Oh, entschuldige bitte. Das wusste ich nicht. Wovon lebst du denn so?«, wollte Leo wissen, denn er hätte dem Bäumchen gerne etwas Gutes getan.

»Ich brauche nichts«, war die schlichte Antwort und Leo akzeptierte diese Aussage seufzend.

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