Dreizehnter Dezember
»Was meinst du damit?«, wollte Jonatann wissen und auch Leo verstand die Reaktion der Taube nicht.
»Was werde isch wohl damit meinen, Jonatann?«, antwortete Babette in strengem Ton und blickte das Bäumchen nicht minder tadelnd an.
»Das weiß ich nicht«, überlegte der Angesprochene und schob sich den Stern aus dem Gesicht, »deswegen frage ich ja. Weißt du es, Leo?«
Doch auch der junge Mann konnte nur den Kopf schütteln. Schließlich hatten sie sich so viel Mühe gegeben und den Text immer wieder von neuem angefangen, bis sie soweit zufrieden waren. Es stand alles drin, es war nicht zu rührselig, wirkte nicht aufgesetzt. Was gab es daran auszusetzen?
»Vielleicht kannst du es uns ja erklären? Was haben wir in deinen Augen falsch gemacht?«, gab er die Frage zurück an die Taube.
Diese rollte mit den Augen und gab ein schnaubendes Geräusch von sich.
»Was ihr falsch gemacht 'abt? Lasst uns zunächst begutachten, was ihr rischtig gemacht 'abt«, erwiderte sie ungläubig und lief vor dem ausgebreiteten Zettel auf und ab, »also gut, der Name ist rischtig. Aber das ist auch kein Wunder, schließlich 'abe isch ihn eusch verraten. Der Gruß »Hallo« mag gerade noch angehen. Sonst weiß isch nischt, was ihr euch dabei gedacht 'abt, ihr, ihr... Da fehlen selbst mir die Worte, um eusch zu beschreiben.«
Die beiden Jungs sahen sich an und wirkten mit einem Mal geknickt. Jonatanns Stern hing tiefer denn je und Leos Schultern sackten einige Zentimeter herab.
»Ohje, so schlimm?«, fragte er mit hängendem Kopf und schielte zu der Vogeldame, »kannst du uns helfen?«
»Bien sûr. Natürlisch kann isch das«, gurrte sie, sichtlich zufrieden mit der Reaktion der beiden, »also lasst misch einmal überlegen. Wie wäre es mit dem Folgenden:
Liebe Geneviève,
es mag in 'eutigen Zeiten komisch erscheinen, doch 'abe isch misch dafür entschieden dir einen Brief zu schreiben. Isch finde manschmal sind E-Mails, Nachrischten am Téléphone oder Anrufe nischt der rischtige Rahmen miteinander zu kommunizieren.
Isch 'offe, es verunsischert disch nischt, wenn isch dir die folgenden Zeilen schreibe, die vom tiefsten Innern meines 'erzen kommen. Vielleischt findest du diesen Brief gar unangebracht, doch muss isch meinem 'erzen und meiner Seele dazu verhelfen, Ruhe finden zu können.
Vor wenigen Tagen bin isch dir begenet, als isch dir ein Paket gebracht 'abe. Isch sollte wohl erwähnen, dass isch ein Paketzusteller bin. Isch war nischt darauf vorbereitet einem Menschen zu begenen, der einen solsch bleibenden Eindruck bei mir 'interlässt. Wie sollte man sisch auch auf eine solsche Situation vorbereiten. Isch glaube nischt, dass sie öfter als ein Mal im Leben eintritt. Später 'abe isch die ganze Zeit über an die Frau denken müssen, die so schnell aus meinem Leben verschwunden ist, wie sie 'ineingeraten war.
Bitte 'alte misch nischt für einen Verrückten oder einen Spinner, denn im Moment fühle isch misch bereits genau so. Noch nie 'abe isch einer Frau einen Brief geschrieben, geschweige denn eine mir vollkommen Unbekannte angesprochen. Doch in deinem Fall ist es mir schlischt unmöglich es nicht zu tun.
Bitte schicke mir eine Antwort und sage mir, ob isch dir weiterhin schreiben darf. Du kannst sie der liebreizenden Taube mitgeben, sie wird den schnellsten Weg zu mir zurück finden.
Oh mein Gott, isch 'offe so inständig, dass du auf deine Intuition und dein 'erz vertraust und nischt auf das, was der Verstand dir jetzt bestimmt einreden möschte.
Ich freue misch auf deine Antwort, wie auch immer sie ausfallen mag, wenngleich eine positive Antwort mein 'erz höher schlagen lassen würde.
Mit 'erzlichen Grüßen
Leo
Na, wie wäre es damit?«
