Zwölfter Dezember

»Alles klar, das haben wir«, stieß Leo gerade aus, als Babette erwachte.

Er wirkte gleichermaßen erleichtert und erfreut und die Taube fragte sich, wovon er sprach.

»Was 'abt ihr?«, gurrte sie daher und blinzelte neugierig.

»Während du geschlafen hast, waren wir nicht untätig«, frohlockte Jonatann und winkte mit einem Bogen Papier, »wir haben nämlich einen Brief geschrieben. So, wie du uns geraten hast.«

»Genau«, bekräftigte Leo und strahlte sie an, »wann denkst du, dass du ihn überbringen kannst?«

Babette plusterte und streckte sich, dann flog sie zu den beiden hinüber und gesellte sich zu Jonatann auf den Tisch. Sie blickte erst das Bäumchen und dann den jungen Mann neugierig an. Dabei legte sie ihren Kopf schief, so wie es Tauben zu tun pflegen, wenn ihnen kein Detail entgehen darf.

»Seid ihr sicher?«, fragte sie schließlich.

»Ja, klar«, antwortete Leo sofort.

»Natürlich. Unbedingt«, rief Jonatann aus und setzte eine wichtige Mine auf.

Doch die Vogeldame wirkte wenig überzeugt. Sie ließ ihren wachsamen Blick über die beiden Freunde wandern und gurrte leise.

»Darf isch den Brief zunächst lesen?«, fragte sie schließlich.

»Kannst du denn lesen?«, erwiderte Leo erstaunt, denn er hatte sich darüber noch keine Gedanken gemacht.

Irgendwie wirkte es auf ihn seltsam, wenn ein Vogel lesen können sollte.

»Bien sûr. Warum nischt?«, wollte Babette im Gegenzug wissen und Leo erklärte ihr seine Irritation.

»Das ist kein Grund«, gab sie leicht pikiert zurück, »warum sollte isch spreschen aber nischt lesen können? Das ergäbe doch gar keinen Sinn, n'est-ce pas?«

»Entschuldige bitte, Babette«, fuhr Leo zerknirscht fort, »ich wollte dich doch nicht beleidigen. Du hast Recht, warum solltest du das nicht können? Hier.«

Damit legte er den Brief vor die Taube auf den Tisch und strich ihn glatt. Sie brauchte einen Moment, um den Inhalt zu studieren und blickte dann mit großen Augen zu dem jungen Mann auf.

»Mon dieu, was soll das sein? Nennt sisch das auch 'andschrift? Das kann isch beim besten Willen nischt entziffern«, sagte sie gerade heraus, »isch lese gerne in Tageszeitungen, da ist die Schrift viel deutlischer und klarer.«

»Das ist gedruckte Schrift, die kann man so nicht schreiben. Aber warte kurz, ich lese dir den Brief vor«, entgegnete Leo und Jonatann vollführte eine Freudendrehung in seinem Übertopf.

»Liebe Nicole«, begann er und unterbrach sich selbst, »wir haben einen Namen als Platzhalter gewählt, weil wir nicht wussten, wie sie heißt.«

»Oh lala, das 'atte isch vergessen zu sagen. Ihr Name ist Geneviève«, entgegnete die Taube entschuldigend.

»Ein schöner Name«, sagte Jonatann verträumt und Leo fuhr damit fort, den Brief zu lesen.

»In Ordnung. Also:

Liebe Geneviève,

ich habe dich neulich an deiner Türe gesehen und war sofort hin und weg. Nur habe ich vergessen nach deiner Nummer zu fragen. Das möchte ich hiermit nachholen, denn es ist mir wirklich wichtig, dich wieder zu sehen. Gerne kannst du deine Antwort dieser Taube mitgeben oder du schreibst mir eine Nachricht. Meine Telefonnummer findest du unten.

Ich freue mich darauf dich schon bald wieder zu sehen.

Dein Leo.

Und hier unten ist die Nummer zu sehen«, schloss Leo und zeigte den Brief der Taube.

Babette war unfähig zu antworten. Sie starrte die beiden nur fassungslos an.

»Das kann unmöglisch ernst gemeint sein«, brachte sie schließlich hervor.

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