Elfter Dezember

»Babettschen«, gurrte die Taube missbilligend, »isch denke, das gefällt mir nischt. No.«

»Ach, nun sei Mal nicht zu kleinlich, mein Täubchen. Ich vertraue voll und ganz deinem Gespür und unser Leo bestimmt auch. Ist es nicht so?«, rief die kleine Tanne ausgelassen und blickte Leo fragend an.

»Ich glaube schon. Irgendwie«, entgegnete dieser und nickte Babette aufmunternd zu.

»Bien. Isch brauche ein wenig Ruhe. Wenn ihr in der Zwischenzeit eine Nachrischt für die jenigen welsche verfassen wollt, überbringe isch sie später gerne«, erklärte sie und blickte den beiden aus müden Augen entgegen, »oder sagen wir morgen.«

Es dauerte nicht lange, da war die Taube auch schon eingeschlafen und ließ ein leises Schnarchen hören.

»Ohje, die arme«, flüsterte Leo dem Bäumchen zu und versuchte dabei so leise, wie möglich zu sein.

»Sie hat das prima gemacht. Wirst sehen, sie hat die Richtige gefunden«, dröhnte die sonore Stimme Jonatanns in der Stille der Wohnung.

Leo erschrak und blickte besorgt zu der Vogeldame, die sich kurz rührte, aber weiterschlief. Tadelnd blickte er das Tännchen an.

»Nimm doch bitte Rücksicht«, ermahnte er den kleinen Baum.

Dieser grinste auf entwaffnende Art und schien ein Schulterzucken anzudeuten.

»Das geht nicht. Mich gibt's eben nur in einer Lautstärke. Ich glaube, das kommt daher, weil ich so klein bin«, mit einem Ast kratzte er sich am Kopf und Leo glaubte Denkfalten in seinem Gesicht zu erkennen, wenngleich er sich nicht erklären konnte, wie Äste und Nadeln so aussehen können sollten.

Doch er akzeptierte die Eigenheiten dieses seltsamen Zeitgenossen so, wie sie waren. Außerdem schien Babette die Lautstärke tatsächlich nichts auszumachen. Und so holte er einen Block und einen Kugelschreiber.

»In Ordnung. Wie fangen wir an?«, fragte er Jonatann.

»Womit willst du denn anfangen?«, stellte er eine Gegenfrage.

»Na, mit einem Brief. Babette sagte, wir sollen schon Mal einen Brief schreiben. Sie würde ihn dann überbringen«, erklärte Leo und sah Jonatann aufmerksam an.

»Dann beginnen wir mit einem Gruß«, erwiderte dieser und sah sehr zufrieden mit seiner Antwort aus.

»Okay«, gab Leo verdutzt zurück, »das ist doch schonmal was. Wie wäre es mit... Warte. Wir wissen ja gar nicht, wie sie heißt«.

Das hatte er in der kurzen Zeit, in der er mit Babette seit ihrer Rückkehr gesprochen hatte, ganz vergessen zu fragen.

»Das ist nicht schlimm«, beruhigte Jonatann ihn, »wir schreiben einfach NAME. Dann müssen wir diese Stellen später nur noch austauschen.«

»Findest du das gut? Irgendwie wirkt der Text nicht, wenn ich das so schreibe. Liebe NAME...«, überlegte der junge Mann laut.

»Dann nimm erstmal irgendeinen Namen. Das geht auch als Platzhalter«, versicherte Jonatann mit Kennermiene.

»In Ordnung, damit kann ich leben. Irgendwelche Vorschläge welchen Namen ich einsetzen soll?«, erkundigte sich Leo, denn er war sich immer noch sehr unsicher, was er überhaupt schreiben sollte, und kam nicht so recht in Fahrt.

»Wie heißt deine Mutter? Wir können doch ihren Namen nehmen«, war der enthusiastische Vorschlag des Bäumchens.

»Davon würde ich gerne absehen«, befand Leo und schüttelte sich leicht bei dem Gedanken, seiner Mutter eine romantische Botschaft zu schicken.

Schlussendlich einigten sie sich auf den Namen Nicole, wenngleich keiner mehr sagen konnte, wie sie auf diesen Namen gekommen waren.

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