Zehnter Dezember

Zu Hause packte Leo seine neuen Errungenschaften aus und schaute sie sich nochmals in Ruhe an.

»Na, ich weiß nicht«, murmelte er nach einer Weile und blickte Jonatann unsicher an, »denkst du, dass mir das wirklich steht?«

»Selbstverständlich«, rief das Bäumchen enthusiastisch und schob sich den Stern aus dem Gesicht, »das bist zu einhundert Prozent du.«

»Ja, klar. Okay. Vielleicht hast du ja recht«, kam er dem kleinen Baum ein Stück entgegen, »aber meinst du, dass das auch bei Frauen gut ankommt? Bisher habe ich nicht unbedingt die besten Erfahrungen gemacht, wenn ich einfach ich war. Die meisten Frauen suchen doch eher einen Alpha, den Bad Boy. Oder zumindest einen eloquenten Typen, so Marke Studentenverbindung.«

»Die meisten Frauen mögen so sein. Aber suchst du die meisten, oder eine bestimmte?«, erwiderte Jonatann und schaute ihn auffordernd an.

»Hast ja Recht«, nuschelte Leo und hob den Pullover nochmals hoch, um ihn eingehend zu betrachten.

Es war ein rot-weißer Strickpullover, dessen Wolle sich angenehm weich anfühlte. Das Muster war dem echter Norwegerpullis nachempfunden, vereinte diesen Stil aber mit einem zusätzlichen Hauch Kitsch, indem an Tannenzweige erinnernde Formen eingewebt waren.

»Naja, was soll schon schief gehen?«, seufzte er und legte den Pullover wieder hin.

»Du kannst mir voll und ganz vertrauen, ich habe ein untrügliches Gespür für Mode und Stil«, beteuerte Jonatann zum wiederholten Male und tätschelte Leos Hand.

Das Piksen seiner Nadeln hinterließ ein prickelndes Gefühl und Leo kratzte sich unterbewusst den Handrücken.

»Und weshalb solltest du ein Profi für Kleidung sein? Du trägst ja selbst auch keine«, fragte er das Bäumchen misstrauisch.

»Kleidung wird mit Nadeln gemacht. Egal ob es sich um Näh-, Häkel- oder Stricknadeln handelt. Ich bestehe zu fünfzig Prozent aus Nadeln. Da ist es doch naheliegend, dass ich mich auskenne«, erklärte das Bäumchen im Brustton der Überzeugung.

Leo musste unwillkürlich lächeln, weil die kleine Tanne ein so putziges Bild abgab, wie sie vor ihm auf dem Tisch stand. Die Brust vor Stolz geschwellt, glänzende Augen und mit einem Ausdruck auf dem Gesicht, der die reine Selbstsicherheit widerspiegelte. Jonatann glaubte an das, was er sagte und tat. Dessen war sich Leo sicher.

Da klopfte es plötzlich an die Scheibe und Leo fuhr erschrocken herum. Er brauchte einen Moment, bis er sich an die Taube und ihre Vorliebe für den Zugang durch das Fenster erinnerte. Hastig lief er zu Babette und ließ sie herein. Die französische Vogeldame flatterte zu ihrem Lieblingsplatz auf der Lampe, schüttelte sich einmal herzhaft und plusterte ihr Gefieder, ehe sie sich umständlich niederließ.

»Mon dieu, ist das ein kalter Wind dort draußen«, gurrte sie und richtete ihr in Unordnung geratenes Federkleid.

»Und?«, wollte Jonatann wissen, doch antwortete Babette nicht, solange sie mit ihren Federn beschäftigt war.

»Und?«, versuchte es das Bäumchen nochmals, als die Taube mit ihrem Erscheinungsbild zufrieden war.

»Und was? Isch verstehe nischt«, erwiderte sie.

»Und, hast du sie gefunden?«, präzisierte Jonatann seine Frage.

»Das ist möglisch. Aber wissen kann isch es nischt«, antwortete Babette gedehnt, »in jedem Fall 'abe isch eine 'eiße Spur.«

»Dann sollten wir die nächsten Schritte planen«, grinste der kleine Baum Leo an, »denn wenn sie das sagt, ist unser Babettchen schon ganz nah dran.«

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