Erster Dezember

Nach einem harten Arbeitstag fuhr Leo endlich im Hof seiner Firma ein. Die Tage in der Vorweihnachtszeit waren für Brief- und Paketzusteller die stressigsten des Jahres und wie jedes Jahr musste Leo auch in diesem Advent unzählige Überstunden schieben.

Seine Arbeitstage begannen derzeit um 6.00 Uhr in der Frühe. Was bei seinem Arbeitsweg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bedeutete, dass bereits um 4.00 Uhr sein Wecker klingelte. Und das sechs Tage die Woche.

Erst wenn seine Tour erledigt war, konnte er zum Hof zurück fahren. Bei dem aktuellen Pensum kam er selten vor 17.00 Uhr an. Zufrieden, auch diesen Arbeitstag erledigt zu haben, lenkte er seinen Lieferwagen in die Parklücke.

Leo beschwerte sich fast nie. Weder über die Arbeitszeiten, noch über unfreundliche Empfänger, hupende Autofahrer oder über die seit Jahren defekte Heizung in seinem Wagen. Es mochte ziemlich kalt sein, während der Fahrten, aber er hatte ausreichend Kleidung und warmen Tee dabei, sodass ihn das nicht weiter störte. Allgemein war er eher der Typ Mensch, der Lösungen suchte und keine Probleme sah.

Auch heute beschwerte er sich nicht, als er die Schlüssel abgeben und sich auf den Heimweg machen wollte, obwohl er doch allen Grund dazu gehabt hätte.

»Hey Jenny, ich bringe dir die Schlüssel zum Sarg auf vier Rädern«, rief er und klimperte mit dem Autoschlüssel.

»Oh Leo. Das tut mir leid, aber ich muss dich enttäuschen«, antwortete die junge, stets top gestylte Empfangsdame der Firma, »heute früh wurde ein Paket falsch zugeordnet. Der Fahrer hat es erst am Nachmittag bemerkt und vor etwa einer halben Stunde zurück gegeben.«

Unheilschwanger schob sie das besagte Paket über den Tresen in Leos Richtung. Er besah sich den Karton und die Empfängeradresse. Sein Blick blieb an einem Aufkleber hängen, der ein garantiertes Auslieferungsdatum auswies.

»Oh man. Das ist mein Bezirk«, stöhnte Leo, lehnte sich über den Tresen und sprach in verschwörerischem Ton weiter, »können wir nicht einfach sagen, dass das Paket nach mir eingetroffen ist?«

Jenny sah ihn voller Anteilnahme an, schüttelte aber den Kopf, dass die Dauerwelle leicht hüpfte.

»Das geht leider nicht. Der Sohn vom Boss stand daneben«, gab sie flüsternd zurück und Leo verstand.

»Aye aye Käpt'n«, witzelte er und salutierte vor der jungen Frau, »ich werfe die Schlüssel dann später ein.«

»Fahr bitte mit dem Wagen nach Hause. Sonst wird es zu spät«, entgegnete die junge Frau und Leo lächelte dankbar, »nur sei morgen bitte zehn Minuten früher da. Sonst müssen wir uns nur rechtfertigen.«

»Vielen Dank und schönen Abend«, gab Leo zurück und verließ das Gebäude.
Wenig später kam er zurück, um das Paket zu holen, das er vergessen hatte. Mit einem entschuldigenden Grinsen schnappte er sich den Karton und schlenderte zu seinem Lieferwagen. Das Radio spielte einen Weihnachtsoldie, als er die Zündung einschaltete.

»Working in a Winterwonderland«, sang er die Textzeile leicht verändert mit und fuhr seufzend vom Hof, »dann wollen wir Mal.«

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